Ritterschaft und Rittertum
Zweiter Teil - Fortsetzung und Quellen
Allegorie auf Karl V. v. Habsburg, erwählter Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und König v. Spanien, als Weltenherrscher (1500-1558) - Gemälde von Peter Paul Rubens, um 1604. Der Spruch: In meinem Reich geht die Sonne niemals unter - wird Karl V. zugesprochen. Die Habsburger Universalmonarchie umspannte die Alte und Neue Welt, ein Reich von nahezu unbegrenzter Größe - ©gemeinfrei Allegorie auf Karl V. v. Habsburg, erwählter Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und König v. Spanien, als Weltenherrscher (1500-1558) - Gemälde von Peter Paul Rubens, um 1604. Der Spruch: In meinem Reich geht die Sonne niemals unter - wird Karl V. zugesprochen. Die Habsburger Universalmonarchie umspannte die Alte und Neue Welt, ein Reich von nahezu unbegrenzter Größe - ©gemeinfrei
Siglo de Oro - Das goldene Jahrhundert (1550-1680)
Spanien und sein bestimmendes Heerwesen in Europa

Auf Grund der gewählten Beschränkung auf das Spätmittelalter und die Früh-Renaissance werden die "Tercios" der Spanier und die "Oranische Heeresreform" nur oberflächlich behandelt. Es soll einleitend Erwähnung finden, dass die Spanier den Einsatz der Arkebuse (Hakenbüchse) massiv ausbauten und deren verstärkter Einsatz letztlich das Schweizer Fußvolk taktisch verdrängte (Italienkriege).
 
Technischer Fortschritt
Durch die rasante Weiterentwicklung der Handfeuerwaffen wurde der blankwaffentragende Kriegsknecht zunehmend zurückgedrängt, der mit einem Luntenschlossgewehr ausgerüstete Arkebusier und Musketier entwickelte sich zum Hauptakteur des eröffnenden Infanteriekampfes. Zu Ende des 15. Jhdts. lag der Anteil der Schützen zum gesamten Fußvolk erst bei zehn Prozent, unter Frundsberg dann bei 13 Prozent, in den spanischen Heeren Albas und der Niederländer bei 50 Prozent, bei den Schweden dann bei zwei Drittel. Die Pikeniere schützten nun primär die angegliederten Schützenformationen (verlorener Haufen) gegen Angriffe ab und bildeten die robusten Positionen in der Schlachtordnung (Gevierthaufen, auch Gewalthaufen). Der Begriff "Infanterie" wurde von den Spaniern erstmals verwendet, diese beeinflussten dann maßgeblich das europäische Kriegswesen im 16. Jhdt. Die spanischen Arkebusiere wie Musketiere genossen einen sehr guten Ruf und waren in der Spielart des Krieges vorzüglich ausgebildet.
Santiago-Orden, gegr. 1170 - ©gemeinfrei Santiago-Orden, gegr. 1170 - ©gemeinfrei
Warum Spanien?
Das Auftreten spanischer Heeresverbände im Heiligen Römischen Reich begründete sich in der dynastischen Verbindung der Habsburger mit Spanien, diese stellten über einen längeren Zeitraum das dortige Königshaus. Der Rückgriff auf die spanischen Ressourcen versetzte zum Beispiel Kaiser Karl V. in die Lage eine machtpolitisch abgesicherte Position gegenüber den protestantischen Reichsfürsten einnehmen zu können. Mit den spanischen Truppen im Rücken eröffneten sich bei Bedarf neue Ansätze und Möglichkeiten. Auch setzte die katholische Gegenbewegung zur Reformation nun stärker ein, neben der bestehenden Inquisition formierte sich ein neuer Orden der die Erneuerung der katholischen Kirche vorantreiben sollte - die Jesuiten!
Weitere Info:
WEB: Die Habsburger und Spanien - Die Welt der Habsburger
WEB: Wo die Sonne nie unterging - Die Welt der Habsburger
Casa de Austria - Jpeg (370 KB) - ©CC BY-SA 3.0 - Basilio [Wikimedia Commons]
Regimini militantis Ecclesiae - der Jesuitenorden, die Gesellschaft Jesu (Societas Jesu). Erneuerungsbewegung innerhalb der katholischen Kirche mit missionarischer Ausrichtung in alle Herren Länder. Regimini militantis Ecclesiae - der Jesuitenorden, die Gesellschaft Jesu (Societas Jesu). Erneuerungsbewegung innerhalb der katholischen Kirche mit missionarischer Ausrichtung in alle Herren Länder.
Regimini militantis ecclesiae
Gegenreformation - Gründungsbulle des Jesuitenordens
 
Am 27. September 1540 wurde mit der Unterzeichnung der Gründungsbulle "Regimini militantis ecclesiae" (dt. "Der Leitung der streitenden Kirche") durch Papst Paul III. der Jesuitenorden offiziell bestätigt, sein bis 1762 verschlossen gehaltenes Grundstatut der Gemeinschaft (Constitutiones) anerkannt.
 
Der Eingang mag sein, wie er will;
der Ausgang muss immer unser sein...
Ignatius von Loyola (1491-1556)
 
Der von Ignatius von Loyola seit 1534 vorangetriebene Aufbau dieser katholischen Ordensgemeinschaft, der Gesellschaft Jesu (Societas Jesu, SJ), kann durchaus als ideologisches Gegenstück zur Reformation angesehen werden. Der Orden hatte in seiner Anfangszeit einen großen Anteil an der Gegenreformation, der katholischen Reaktion auf die von ihr als Häresie betrachtete protestantische Reformation. Sein damaliges Wirken kann als ideologischer "Kriegsdienst für Gott unter dem Banner des Kreuzes" aufgefasst werden. Im Kampf gegen den Atheismus fand der Orden seine Aufgabe, einzig dem Befehl des weißen und schwarzen Papstes unterworfen. Ein Schwerpunkt dieser Gemeinschaft bildete sicherlich die ideologische Erneuerung der katholischen Kirche. Der Orden erwartete eine persönliche Christusbeziehung, die interessanterweise auch von Martin Luther ähnlich vertreten wurde. Im weiteren Verlauf der Geschichte wurde der Orden mehrfach verfolgt, aufgelöst und wiedererrichtet (Monita Secreta, Breve Dominus ac Redemptor, Bulle Sollicitudo omnium ecclesiarum).
 
Die jesuitische Missionsbewegung entsandte in alle Herren Länder ihre Ordensmitglieder, geriet aber auch in Konflikt mit den Kolonialmächten Spanien und Portugal, die in den Bestrebungen der Jesuiten eine Beeinträchtigung ihrer Kolonialunternehmungen sahen. Der Orden war somit nicht immer von Freunden umgeben, Anfeindungen, Verbote und Verfolgungen säumten seinen Weg. Heutige Historiker bewerten die wirtschaftlichen Betätigungen des Ordens in den damaligen amerikanischen Kolonien kritisch, da hier auch merkantilistisch geprägte Handlungsweisen zur Ausführung kamen. Ein wichtiger Verdienst des Ordens war sicherlich seine sehr erfolgreiche Bildungspolitik zu dieser Zeit. In Europa besaßen die jesuitischen Bildungsanstalten einen exzellenten Ruf, sein Thesenblatt kursierte im 17. Jahrhundert im gehobenen katholischen Bildungswesen. Zahlreiche katholische Reichsstände dieser Zeit waren jesuitisch vorgebildet und nahmen als Militärs oder Landesfürsten höhere Positionen im Reichsdienst ein. Der Orden verfolgt heute noch seine Absicht, die Menschen nach den Grundsätzen des christlichen Menschenbildes zu Menschen für andere heranzureifen. Allerdings nicht mehr so kämpferisch wie in den Anfängen des Ordens.
Zeitgeschichtliche Grundlagen und Einführung
WEB: Ulrich Menzel - Homepage
Unterprojekt: Imperium oder Hegemonie
Adobe  Folge 8: Spanien 1515/19 - 1648/59: Das geerbte Imperium (Pdf, 1,3 MB)
Adobe  Folge 9: Die Niederlande und ihr "Goldenes Zeitalter" 1609-1713 (Pdf, 1,5 MB)
Adobe  Folge 10: Frankreich 1635-1714: Der gezügelte Hegemon (Pdf, 1,7 MB)
 
WEB: Universität Wien
Adobe  Philipp II. von Spanien und Elisabeth I. von England (Pdf, 472 KB); WEB [othes.univie.ac.at]
Adobe  Spanische Staatspleiten, genuesische Finanziers, holländische Konkurrenz (Pdf, 5 MB); WEB [othes.univie.ac.at]

Weltmacht ist Seemacht
Der Krieg zur See und der Welthandel
Interner Link: Seekriegsführung (Lepanto 1571, 1588 ff.)

©University of Texas at Austin
WEB: Perry-Castañeda Library Map Collection
Historical Maps of Europe: Central Europe - 1477 - about 154715601618 - (Jpeg, bis 1 MB)
The Netherlands 1559-1609 ; Principal Seats of War in Europe, I. 1618-1660 (Jpeg, bis 1 MB)
Treaty of Westphalia 1648 (Jpeg, bis 1 MB)
Kaiser Karl V. und Spanien
Das Spanische Heerwesen (Tercio)
Kaiser Karl V. (1500-1558) nach seinem Sieg in der Schlacht bei Mühlberg am 24. April 1547 über die Truppen des Schmalkaldischen Bundes. Gemälde: Titian, 1548 - ©gemeinfrei Kaiser Karl V. (1500-1558) nach seinem Sieg in der Schlacht bei Mühlberg am 24. April 1547 über die Truppen des Schmalkaldischen Bundes. Gemälde: Titian, 1548 - ©gemeinfrei
Das Königreich Spanien führte seit 1534 die Struktur des Tercios (Vor, Mittel- und Nachzug, Gevierthaufen) als Truppenkörper bis zum Ende des 30-jährigen Krieges fort. Diese Formation wurde als "ungarisch-burgundische Ordonnanz" oder auch "katholische" bezeichnet. Abweichend zu den deutschen Formationen bevorzugten die Spanier allerdings ein sehr blutiges Verfahren zum Aufbrechen gegnerischer Spießformationen. Nach dem Zusammentreffen der Kampflinien drangen Dolchkämpfer unter den Spießen der Gegner in deren Formation ein und stachen von unten in die Beine und Weichteile der Spießkämpfer. Ein äußerst brutales Vorgehen, dass den Spaniern einen zweifelhaften Ruf einbrachte. Die taktische Aufgabe des Rundtartschiers (Rondolero, Rondachier) bestand ebenfalls in einem Unterlaufen der Spieße (Piken) und dem Einwühlen in den gegnerischen Haufen. Hierzu war er mit Degen, Dolch, Rundschild und leichter Rüstung versehen. Mit den spanischen Tercios endete letztlich die Epoche der Massen- und Gevierthaufen auf dem Schlachtfeld. "In ihrer Struktur können die Tercios wie folgt beschrieben werden: Infanterieformationen mit je einem Drittel Pikeniere, Arkebusiere und Musketiere, d.h. aus Pikenträgern mit Sturmhaube und Brustpanzer, aus Büchsen- und Musketenschützen zusammengesetzt. Jedem Tercio war eine Kavallerieeinheit zugeordnet. Die Gesamtstärke betrug 2.500 bis 3.000 Mann, unterteilt in 12 bis 15 Einheiten. Diese Tercios gaben die bisherige Tiefenstaffelung zugunsten einer Aufstellung in der Breite auf, boten so für die Artillerie ein weniger geschlossenes Ziel und konnten einen Gegner leichter in der Flanke fassen. Die italienischen Söldner und die deutschen Landsknechte verharrten in der überlieferten Form, kämpften in den überkommenen Gewalthaufen (Tiefenstaffelung, z.T. tiefer wie breit - Kolonne). Im spanischen Heer wurden die Tercios seit Karl V. durch Ausbildung und Ausrüstung zur wichtigsten Waffengattung und stellten in Europa bis ins 17. Jahrhundert hinein die kampfkräftigsten Infanterieverbände dar. Auf ihnen beruhte auch die Stärke der "kaiserlichen Heere" bei weiteren Feldzügen." [Wohlfeil: Karl V., Ritter - Kriegsheld - Feldherr]. Um 1704 wurden die Tercios dann in Regimenter umgewandelt.
Deutsche Tercioformation in der Schlacht am Weißen Berg 1620. Tradierte Charakteristik: Pikenierkern, Arkebusierhecke, Musketier-Eckbastionen - Klassische Formation. Ausschnitt aus Theatrum Europaeum, Band 1, 1662, Tafel 10 - ©UBA Deutsche Tercioformation in der Schlacht am Weißen Berg 1620. Tradierte Charakteristik: Pikenierkern, Arkebusierhecke, Musketier-Eckbastionen - Klassische Formation. Ausschnitt aus Theatrum Europaeum, Band 1, 1662, Tafel 10 - ©UBA
Gefechtsordnung in der Schlacht
Das Tercio setzte sich in seinen Anfängen seit 1534 aus einem Kern von Pikenieren zusammen, der von einer Hecke aus 5 Gliedern Arkebusieren vollständig umgeben war. An den Ecken dieser nahezu quadratischen Formation waren dann die Musketiere in Schützenflügeln oder Eckbastionen angeordnet, die Verbindung von Blankwaffenträgern und Schützen wurde nochmals verstärkt. Dieser taktische Gefechtskörper umfasste in der ältesten Form 800 Pikeniere, 1.404 Arkebusiere und 200 Musketiere, steigerte sich dann auf etwa 3.000 Mann und bildete die Normalformation der Spanier, der anderen katholischen Mächte und der Kaiserlichen, die diese defensive Formation in den Türkenkriegen erfolgreich einsetzten.
 
Zur Zusammensetzung eines spanischen Tercios nach [Jähn]: 10 capitanias (companias), davon 8 mit jeweils 200 Pikenieren, 100 Arkebusieren und 20 Musketieren, die restlichen 2 mit jeweils 300 Arkebusieren und 20 Musketieren (reine Schützeneinheiten) - in Summe 3.200 Mann (capitania: Hauptmannschaft - vergleichbar zu Fähnlein). Das Tercio nahm die Funktion eines taktischen Gefechtskörpers ein!
Struktur eines spanischen Tercios (Jpeg, 33 KB) - GNU-Licence - Terciospaña. Die dargestellte Gliederung nähert sich der Schilderung von [Jähn] an, bildet aber einen Idealzustand ab, der im Feld selten eingehalten wurde (Gefechtsstärke). Das spanische Heer durchlief seit 1568 mehrere Militärreformen, die zu einer Veränderung der Terciostruktur führten. Struktur eines spanischen Tercios (Jpeg, 33 KB) - GNU-Licence - Terciospaña. Die dargestellte Gliederung nähert sich der Schilderung von [Jähn] an, bildet aber einen Idealzustand ab, der im Feld selten eingehalten wurde (Gefechtsstärke). Das spanische Heer durchlief seit 1568 mehrere Militärreformen, die zu einer Veränderung der Terciostruktur führten.
Quelle: W. Rüstow: Geschichte der Infanterie... ; M. Jähns: Geschichte der Kriegswissenschaften, Handbuch einer Geschichte des Kriegswesens ; Ergänzend Delbrück: Geschichte der Kriegskunst.
 
Im Verlauf des niederländischen Freiheitskrieges kam es zu einer Modifikation der Tercio-Struktur, diese wurde nun in drei colonelías (engl. Colonelcies, vgl. Bataillon) oder auch escuadrónes eingeteilt, mit zusammen 10 Kompanien von je 250 Mann (Pikeniere u. Arkebusiere) und 2 reine Arkebusier-Kompanien (capitanias/companias). Die Kompaniestärke wurde hier reduziert, deren Anzahl auf 12 erhöht. Eine idealisierte Angabe, die im Feld selten so eingehalten wurde. Der Rolle des gepanzerten coselete-/corselet-Pikeniers [Bild] wurde hier noch nicht Rechnung getragen, dieser verstärkte die Kompanien nochmals um 40 Mann auf nun insgesamt 300 Soldaten (siehe Organigramm). Die heterogene Zusammensetzung der Kompanien implizierte dann auch die Fechtweise der Tercio-Formation. Der coselete/corselet-Pikenierblock bildete die erste Gefechtsfront, dahinter schlossen sich dann die leichter armierten Pikeniere an (piqueros secos). Eine Arkebusierhecke und vier Musketier-Eckbastionen (mangas) ergänzten die Pikenier-Formation (cuadro de pica, tercio classico), später erfolgte eine Verlagerung der Gefechtsposition an die beiden Flanken (escuadrón prolongado...). Erfahrungsgemäß standen die Veteranen in den vorderen Gliedern, die unerfahreneren Soldaten in deren Rücken. Das Geschehen auf dem Schlachtfeld erforderte auf Grund der hohen physischen wie psychischen Belastung abgehärtete Naturen, unvorbereitet konnte sich der Infanteriekampf zur menschlichen Hölle entwickeln. Neue Rekruten blieben hier auch vielfach auf der Strecke, eine Professionalisierung zum Veteranen erhöhte letztlich wieder die Überlebenschancen. Die Anzahl der Kompanien, sowie die Gefechtsstärke der Tercios, variierte dann in der Regel deutlich. Nach verlustreichen Kämpfen wurden unterbesetzte Tercios nicht mehr aufgefüllt, sondern zu neuen Tercios zusammengeführt. Eine spanische Brigade wurde dann aus vier Tercios in einer Rautenformation gebildet (1-2-1), die noch größere spanische Division setzte sich aus sieben Tercios zusammen (2-3-2), jeweils schachbrettartig auf Lücke zueinander versetzt. So zumindest nach deutscher Lesart, es kamen allerdings auch Mischformen zum Einsatz.
Erweiterter Ansatz
Das Tercio umfasste seit ca. 1534 um die 3.000 Mann, leitete sich aber von der älteren Schlachtformation "coronelia" ab, einer 6.000 Mann umfassenden Einheit, die sich aus Pikenieren, Arkebusieren, Hellebardieren und Schwertkämpfern mit Buckler-Faustschilden zusammensetzte (vgl. Doppelsöldner). Die coronelia kann mit einem deutschem Regiment der Maximilianischen Epoche gleichgesetzt werden, die Gesamtstärke und Zusammensetzung war eng verwandt. Das Tercio gründete nun auf den neuen Erfahrungen der spanischen Truppenführer in den ersten Italienkriegen, der gemischte Einsatz von Pikenieren und deutlich mehr Arkebusieren erwies sich gegenüber den Schweizer Gewalthaufen als vorteilhaft. Erste taktische Veränderungen wurden dann dem spanischen Befehlshaber Gonzalo Fernández de Córdoba (1453-1515) - "El Gran Capitán" [Bild] - zugeschrieben.
 
Es kommt nun zum Bruch mit der alten Lehrmeinung, das spätere Tercio wird nicht mehr nur als "ein" geschlossener taktischer Gefechtskörper definiert! Die gewandelte Struktur ließ den tradierten Einsatz des Tercios zwar noch zu, konnte nun aber bei Bedarf in mehrere Einheiten zergliedert werden, in die sogenannten escuadrónes (alternative Angabe: colonelías). Dieser Formationstyp ist im englischen Sprachraum als "Spanish square" bekannt und wurde im Dreißigjährigen Krieg von den Spaniern eingesetzt. Nach wie vor führte aber der Maestre de Campo das Tercio in seiner Gesamtheit.
In den spanischen Quellen findet ein besonderer Sachverhalt allerdings keinen Niederschlag, die zeitgenössischen spanischen Militärtheoretiker überliefern keine Hinweise auf "Linear"-Formationen! Der wissenschaftliche Diskurs in Bezug auf Forschung, Kumulation, Interpretation, Kritik und Anwendung bewegt sich somit auf keiner abgesicherten Quellenlage, es überliefern hier die Gegner der Spanier (Franzosen, Engländer, u.a.). Die Zirkelbezüge zahlreicher Zitationen landen letztlich wieder bei früheren Aussagen und Auslegungen, die wiederum selbst auf Annahmen basieren. Fazit: "Nichts Genaues weiß man nicht - es möge sich jeder sein eigenes Bild machen!"
La Guerra de Frisia - ©Hugo A. Cañete - Ediciones Platea La Guerra de Frisia - ©Hugo A. Cañete - Ediciones Platea
Erwähnenswert ist noch, dass die Truppenstärke der Tercios dann deutlich absank, letztlich dürfte eine escuadrón mit 1.000 bis 1.200 Mann ein Rumpf-Tercio gebildet haben. Es können abschließend mehrere Militärreformen im spanischen Heer angenommen werden, die bei den Tercios zu strukturellen Veränderungen führten: 1568, 1580, ... 1630/32 ... und zuletzt 1704 (Einführung der Regimentsstruktur nach französischem Vorbild). Näheres kann dann aus spanischen, englischen und französischen "Arbeiten" entnommen werden, die sich mit diesem Thema schon länger und sehr ausführlich beschäftigt haben. In Bezug auf die noch offene Frage, ob mögliche Militärreformen des spanischen Heeres sich ausschließlich nur auf dieses begrenzt haben, gibt es keine zufriedenstellende Antwort. Es kann nur angeführt werden, das der nachweisbare Austausch spanischer und kaiserlich-habsburgischer Truppenführer auf verschiedenen Kriegsschauplätzen eine Tendenz erkennen lässt, die sich bereits auf der Ebene des einfachen Söldners und Veteranen schon längst verfestigt hatte. Mit dem Wechsel von Kriegsschauplätzen und Anstellungen ergaben sich bei diesen zwangsläufig auch neue Erkenntnisse zur aktuellen Kriegsführung (Gefechtsform, Einsatztaktik, Gegnerverhalten). Ein Informationsaustausch hat hier sicherlich stattgefunden, maßgebliche deutsche Feldherren, wie zum Beispiel Graf Johann T´Serclaes Tilly, konnten hier auf persönliche Erfahrungen zurückgreifen und galten als ausgewiesene Vertreter der Spanischen Schule (Heerwesen). Die deutschen Veteranen brachten durchaus mehr zustande wie nur geradeaus zu laufen und einen groben Gevierthaufen zu bilden [Traupitz]. Wenn diese neben spanischen Einheiten aufmarschierten, war zumindest eine taktische Abstimmung und geordnete Disziplin auf der Basis des aktuellen Kriegsreglements zu erwarten. Bezug: deutsche Regimenter in spanischen Diensten (z.B. Flandern-Armee), Katholische Liga, Reichsarmee.
WEB: La Guerra de Frisia - Hugo A. Cañete
Interner Link: Reichsheer
Massenwirkung
Realistische Darstellung gefechtsbereiter Tercios (Spanien)
Desembarcoislasterceiras
Landung der spanischen Truppen auf den Terceiras Inseln (Azoren, Calheta das Mós) am 26. Juli 1583. Die Gefechtsformation der Tercios - cuadro de pica - ist gut ersichtlich. Klassische Musketier-Eckbastionen werden nicht dargestellt! ©gemeinfrei [Wikimedia commons]. Gemälde: Pintura mural en el Monasterio de San Lorenzo de El Escorial.
Escuadrón prolongado around 1625. ©Illustration borrowed from Pierre Picouet, author of Les Tercios Espagnols 1600-1660. Escuadrón prolongado around 1625. ©Illustration borrowed from Pierre Picouet, author of Les Tercios Espagnols 1600-1660.
Taktische Gefechtsformationen der spanischen Tercios
Tercio classico: a) cuadro de terreno - Quadrat-Formation; b) cuadro de gente - Rechteck Tiefenstaffelung; c) cuadro prolongado - verbreitertes Quadrat; d) cuadro de (doble frente o doblete) gran frente - breite Rechteckformation.
 
Dreißigjähriger Krieg: a) escuadrón cuadrado - Quadrat, der Gevierthaufen; b) escuadrón prolongado - verbreitertes Quadrat; c) media luna - Halbmond Formation mit drei cuadrados; d) cuña - Dreieck, oder invertierter Halbmond; e) en rombo - die Raute. Informationen zur Stärke und Ausrüstung siehe nachfolgend.
Quellen und Verweise
Neuzeit: Pierre de Bourdeille, Gentilezas y bravuconadas de los españoles (1996); Serafín María de Soto, Conde de Clonard, Album de la infantería española (1861); Rene Quatrefages, Los Tercios (1983); Inspección de Infantería, La infantería en torno al siglo del oro (1993); Julio Albi de la Cuesta, De Pavia a Rocroi: los Tercios de Infantería española en los siglos XVI. y XVII (1999); Enrique Martínez Ruiz, Los soldados del Rey (2008); Pierre Picouet, Les Tercios Espagnols 1600-1660 (2010).
Historisch: Reprint - Ministerio de Defensa de España : Martín de Eguiluz (1591), Bernardino de Escalante (1583), Marcos de Isaba (1589), Sancho de Londoño (1589), Diego de Salazar (1590).
WEB: Externer Blog [ejercitodeflandes.blogspot.de]
WEB: Externer Blog Art of Warre - Aart Brouwer
WEB: La época de los Tercios
WEB: Colaboradores de Wikipedia. Tercio [en línea].
WEB: Magazin Desperta Ferro
Adobe  Spanische Brigade (Pdf, 65 KB)
Adobe  Taktische Formationen (Pdf, 912 KB) ; WEB: Externer Blog [forum.milua.org]
Adobe  Google Books: Spanisches Kriegs-Reglement - Francisco V. de la Sala y Abarca, Giuseppe di Zamora, Otto Vom Graben zum Stein - BSB Digitalisat - (Pdf, 37 MB). Abhandlung mit Rückblick zu den Anfängen.
Das Kreuz von Burgund - Spanische Kriegsflagge von 1506 bis 1785, Truppenfahne der spanischen Tercios mit ergänzenden Symbolen: Königswappen, goldenes Kreuzband, bandera coronela. Das Kreuz verweist auf den spanischen König Philipp I. v. Habsburg, Herzog v. Burgund, Sohn Kaiser Maximilians I. v. Habsburg - ©CC BY-SA 3.0 Das Kreuz von Burgund - Spanische Kriegsflagge von 1506 bis 1785, Truppenfahne der spanischen Tercios mit ergänzenden Symbolen: Königswappen, goldenes Kreuzband, bandera coronela. Das Kreuz verweist auf den spanischen König Philipp I. v. Habsburg, Herzog v. Burgund, Sohn Kaiser Maximilians I. v. Habsburg - ©CC BY-SA 3.0
Spanische Dienstgrade
  • Kompanieebene/capitania/companias (Oficiales Menores)
    a) Capitán (Hauptmann); b) Alférez (Fähnrich); c) Sargento (Feldwebel); d) Cabo (Unteroffizier).
  • Höhere Führungsebene (Oficiales Mayores, Cabos)
    a) Capitán general (Generalkapitän, Oberbefehlshaber); b) Gobernador de las Armas y Ejército (Heeres-Gouverneur, ab 1630); c) Maestre de campo general (Generaloberst); d) Teniente de Maestre de campo general (Generaloberst-Leutnant, Feldmarschallleutnant); e) Sargento General de Batalla (Generalwachtmeister der Schlacht, ab 1640); f) Maestre de Campo (Feldmeister, Oberst eines Tercios); g) Sargento Mayo
    (Oberstleutnant, Major).
 
Es existierten dann noch besondere Bezeichnungen für Generale der Kavallerie und Artillerie.
Feldherren dieser Epoche (Auswahl)
Königreich Spanien und Heiliges Römisches Reich (katholisch)
Fernado Álvarez de Toledo, 3. Herzog von Alba (1507-1582), Feldherr u. Staatsmann in königlich-spanischen und kaiserlich-habsburgischen Diensten. Portrait: Tizian - ©gemeinfrei
Fernado Álvarez de Toledo, 3. Herzog von Alba (1507-1582). Portrait: Tizian - ©gemeinfrei
Alexander Farnese - Herzog von Parma und Piacenca (1545-1592). Feldherr und Diplomat in spanischen Diensten, Oberbefehlshaber in den spanischen Niederlanden - ©gemeinfrei
Alexander Farnese - Herzog von Parma und Piacenca (1545-1592) - Portrait: Otto van Veen - ©gemeinfrei
Ambrosio Spinola Doria, Marqués de los Balbases (1569-1630). Erfolgreichster spanischer Feldherr in den Niederlanden zu Anfang des 17. Jhdts. Portrait: Rubens - ©gemeinfrei
Ambrosio Spinola Doria, Marqués de los Balbases (1569-1630). Portrait: Rubens - ©gemeinfrei
Johann T´Serclaes Graf v. Tilly (1559-1632). Oberster Feldherr der Katholischen Liga und der kaiserlichen Truppen. Portrait: A. Van Dyck - ©gemeinfrei
Johann T´Serclaes Graf v. Tilly (1559-1632). Portrait: A. Van Dyck - ©gemeinfrei
Wappen König Philipp II. v. Spanien (geführt 1558-1580), ältester Sohn Kaiser Karls V. v. Habsburg (König Karl I. v. Spanien) - ©CC-License: Heralder. 1555 übergab Kaiser Karl V. die Herrschaft über die Niederlande an Philipp, 1556 folgten die Kronen von Kastilien und Aragón, Sizilien und die amerikanischen Kolonien. In die Regierungszeit Philipps II. fällt der Ausbruch des 80-jährigen Krieges zwischen Spanien und den Niederlanden sowie die militärische Konfrontation mit England. 1588 wurde die Spanische Armada von der englischen Flotte geschlagen. Wappen König Philipp II. v. Spanien (geführt 1558-1580), ältester Sohn Kaiser Karls V. v. Habsburg (König Karl I. v. Spanien) - ©CC-License: Heralder. 1555 übergab Kaiser Karl V. die Herrschaft über die Niederlande an Philipp, 1556 folgten die Kronen von Kastilien und Aragón, Sizilien und die amerikanischen Kolonien. In die Regierungszeit Philipps II. fällt der Ausbruch des 80-jährigen Krieges zwischen Spanien und den Niederlanden sowie die militärische Konfrontation mit England. 1588 wurde die Spanische Armada von der englischen Flotte geschlagen.
Die Spanischen Niederlande
Der achtzigjährige Krieg der Spanier gegen die niederländischen Freiheitskämpfer (1568-1648) stellte einen der brutalsten Konflikte dar, der in Europa bis dahin ausgefochten wurde. In Krisenzeiten konzentrierte Spanien bis zu 85.000 Mann auf diesem Kriegsschauplatz, die Kosten beliefen sich auf weit über eine Million Gulden pro Monat! Die Flandrische Armee war aber nicht die einzige spanische Feldarmee, in Summe umfassten die Truppen in Flandern ca. 30% bis 50% des gesamten spanischen Heeres. Schwere Kämpfe in den Niederlanden erzwangen dann taktische Neuerungen, die spanischen Tercios gerieten gegenüber den reformierten niederländischen Truppen zunehmend in die Defensive (Tiefenstaffelung). Dort wurde mit der Oranischen Heeresreform letztlich ein Kriegswandel eingeleitet. Das Zusammenkommen von weltlichen und konfessionellen Zerwürfnissen befeuerte diesen Krieg zu einem Flächenbrand, der sich in vielfachen Kriegsgreuel niederschlug. Von den Spaniern als gerechter Kampf gegen die ketzerischen Protestanten (Calvinisten) empfunden, hinterließ dieser tiefe Spuren in der niederländischen Gesellschaft. Für die spanische Inquisition waren die Niederlande durchaus ein Hort des Bösen. Der Kampf um den "rechten" Glauben setzte sich dann auch im Dreißigjährigen Krieg unheilvoll fort...
 
WEB: Die Welt der Habsburger - König Philipp II. v. Spanien
 
Flandern - Vorhof zur Hölle
Der spanische Autor Arturo Pérez-Reverte Gutiérrez (geb. 1951) beschreibt in seiner modernen Romanserie - Las Aventuras del Capitán Alatriste - sehr ausführlich die Kämpfe in Flandern (1622-1643). Sein Romanheld Diego Alatriste y Tenorio durchlebt hier die Niederungen dieser kriegerischen Epoche (Siglo de Oro - goldenes Jahrhundert), Machtkämpfe, Intrigen, Morde und Schlachten säumen seinen blutigen Lebensweg. Die Romanserie wurde verfilmt, Viggo Mortensen spielt hier eindrucksvoll die Rolle des spanischen Flandern-Veteranen. Lebensumstände, Kostüme, Waffen und Truppen werden sehr detailliert und wirklichkeitsnah dargestellt. Bild: Alatriste - der Film (Jpeg, keine Werbung)
El Milagro de Empel (1585), Gemälde: Augusto Ferrer-Dalmau (2015) - ©CC-BY-SA-4.0 - http://en.wikipedia.org/
wiki/Battle_of_Empel#/
media/File:El_milagro_
de_Empel.jpg El Milagro de Empel (1585), Gemälde: Augusto Ferrer-Dalmau (2015) - ©CC-BY-SA-4.0 - http://en.wikipedia.org/ wiki/Battle_of_Empel#/ media/File:El_milagro_ de_Empel.jpg
El Milagro de Empel
Ein wichtiges historisches Ereignis für das spanische Heer stellte sicherlich das Mirakel von Empel dar, in dessen Folge sich die Verehrung der Jungfrau Maria als spanische Truppenheilige begründete. Am 7./8. Dezember 1585 konnte ein spanischer Truppenverband in der Stärke von ca. 4.000 Mann in isolierter und aussichtsloser Lage durch sonderliche Umstände vor der sicheren Vernichtung durch niederländische See- und Landstreitkräfte gerettet werden. Ein zuvor aufgefundenes Marienbild wurde vom kommandierenden Maestre de Campo Francisco de Bobadilla, als Zeichen der Demut und Hoffnung, neben der Truppenfahne erhoben, nachdem die eingegangene Aufforderung der Niederländer zur Kapitulation eine spanische Ablehnung erfahren hatte: "Los Infantes españoles prefieren la muerte a la deshonra. Ya hablaremos de capitulación después de muertos!" (Frei übersetzt: "Der Spanier Soldaten sind lieber tot als ehrlos. Wir können nach dem Tod über Kapitulation reden!"). Der kurz darauf kurios zu Stande gekommene Sieg der Spanier konnte letztlich nur noch dem Wirken höherer Mächte zugeschrieben werden. Vom unterlegenen Admiral Philip v. Hohenlohe-Neuenstein ist der noch etwas seltsam anmutende Ausspruch überliefert: "es scheint, dass Gott Spanisch ist, wenn er für mich ein so großes Wunder vollbringt!"
Die Schlacht bei Empel im Dezember 1585, gemalt zu Ende des 16. Jhdts. von Franz Hogenberg und Georg Braun - ©gemeinfrei
Die Schlacht bei Empel im Dezember 1585,
gemalt zu Ende des 16. Jhdts. von Franz Hogenberg und Georg Braun - ©gemeinfrei
Flagge des spanischen Tercio Ambrosio Spinola (bandera coronela) - 1621, abgebildet von Velazquez: Übergabe von Breda. ©CC BY-SA 3.0 - SanchoPanzaXXI Flagge des spanischen Tercio Ambrosio Spinola (bandera coronela) - 1621, abgebildet von Velazquez: Übergabe von Breda. ©CC BY-SA 3.0 - SanchoPanzaXXI
Die spanischen Soldaten führten ihre sonderbare Rettung letztlich auf eine göttliche Fügung zurück, dieses Ereignis stellt in der spanischen Militärgeschichte ein fundamentales Identifikationsmerkmal zwischen Heer und Religion dar! Am selben Tag des spanischen Sieges von Empel wurde die Jungfrau Maria zur Patronin der Tercios von Flandern und Italien ernannt. 1854 definierte Papst Pius IX. das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis der Seligen Jungfrau Maria, 1892 verkündete Maria Christina von Österreich, Königin und Regentin von Spanien, die Erhebung Maria der Unbefleckten Empfängnis zur Patronin der gesamten spanischen Infanterie.
Die Truppenfahnen der ligistischen und kurfürstlich bayerischen Verbände im Dreißigjährigen Krieg stellten unter anderem durch aufgebrachte Monogramme und figürliche Darstellungen ebenfalls einen religiösen Bezug zur Jungfrau Maria her.
Weitere Info:
Adobe  Een bijzondere Mariaverering - Het wonder van Empel - ©Harry van den Berselaar (Pdf - 2,3 MB).
PARKER, Geoffrey. The Army of Flanders and the Spanish Road, 1567-1659; auch auf spanisch erschienen unter dem Titel: El ejército de Flandes y el Camino Español, 1567-1659. La logística de la victoria y derrota de España en las guerras de los Países Bajos, Madrid, 2000. Eine niederländische Ausgabe wurde ebenfalls publiziert ©Cambridge - Keine Werbung! Parker führt die spanischen Truppenbewegungen auf dem Camino Español quantitativ bis zum Anfang zurück, von 1567 bis 1600 passierten dann nach seinen Erhebungen rund 87.000 Mann diese Heerstraße. Die Nichtübersetzung von Parkers Werk in die deutsche Sprache ist grenzwertig, fast schon eine Unterlassung! PARKER, Geoffrey. The Army of Flanders and the Spanish Road, 1567-1659; auch auf spanisch erschienen unter dem Titel: El ejército de Flandes y el Camino Español, 1567-1659. La logística de la victoria y derrota de España en las guerras de los Países Bajos, Madrid, 2000. Eine niederländische Ausgabe wurde ebenfalls publiziert ©Cambridge - Keine Werbung! Parker führt die spanischen Truppenbewegungen auf dem Camino Español quantitativ bis zum Anfang zurück, von 1567 bis 1600 passierten dann nach seinen Erhebungen rund 87.000 Mann diese Heerstraße. Die Nichtübersetzung von Parkers Werk in die deutsche Sprache ist grenzwertig, fast schon eine Unterlassung!
Camino Español
- Die Spanische Heerstraße von Mailand nach Brüssel -
Es stellt sich schon die Frage, warum eine kleinere lokalgeschichtliche Webseite aus Süddeutschland einen Bezug zu einer Heerstraße der Frühen Neuzeit herstellt, die zudem von der spanischen Krone betrieben wurde? Ganz einfach, es handelte sich hier um eine strategische Hauptnachschublinie des spanischen Heeres in die Niederlande, die in ihrem Verlauf auch den südöstlichen Schwarzwald überquerte. Bereits unter Kaiser Karl V. kam es zu einer ersten Vereinbarung mit den angrenzenden Anrainer über den Durchzug von habsburgischen und spanischen Truppen, die von Mailand, dem militärlogistischen Zentrum des habsburgischen Reiches, über den Gotthardpass nach Brüssel marschierten. Der Waldshuter Vertrag von 1529 (Erzherzog Ferdinand v. Österreich) fand dann wiederholt eine Verlängerung, mit dem Ausbruch von Kampfhandlungen in den spanischen Niederlanden wurden ab 1567 starke Truppenverbände aus Spanien nach Flandern verlegt. Da Frankreich und Savoyen den Betrieb der Heerstraße unterbinden konnten, wurde der gesamte transalpine Nachschub nun über den Camino Español und die Teilstrecke Camino de Suizos abgewickelt. Für uns ist dann die Teilstrecke über den Schwarzwald von Bedeutung, bei Waldshut stieß die Route über das Veltlin und Tirol auf den Camino de Suizos, der Schwarzwald wurde in drei Tagesmärschen bis nach Staufen überquert. Bei Blodelsheim erfolgte der Rheinübergang, der Durchzug setzte sich dann über das Elsass und Lothringen, wo sich der Camino Español mit dem Camino de Suizos bei Epinal wieder vereinigte, nach Brüssel oder Namur fort. Zwischen 1604 und 1625 passierten nach Erhebungen von [Rudolf Bolzern] in Summe 73.000 Mann diesen Abschnitt des Camino Español. Insoweit waren im Schwarzwald und seinen Ausläufern zuweilen durchziehende spanisch-italienische Truppenverbände anzutreffen. Der Feldzug des Herzogs de Feria von 1633 [Interner Link] öffnete diesen strategischen Korridor dann wieder, wenn auch nur für kurze Zeit. Karte: The Spanish Road in times of Philip II, to bring the Tercios of Spain to Flanders (PNG, 128 KB) - ©gemeinfrei - Miguelazo84
Quellenlage
Bedauerlicherweise müssen hier verstärkt spanische, niederländische, englische und teilweise auch noch französische Quellen herangezogen werden. Der Spezialisierungsgrad und die Fülle der dort vorliegenden Informationen ist vorbildlich und speist sich aus einer wissenschaftlichen Tradition, die schon immer eine wohlwollende und gebührende Anerkennung gefunden hat. So bedauerlich es für manche friedvollen Naturen auch klingt - "Alte Geschichte ist überwiegend Kriegsgeschichte!". Einige Lücken in Bezug auf die Kriegsgeschichte des Heiligen Römischen Reiches und der habsburgischen Erblande in der Frühen Neuzeit schließen auch wissenschaftliche Beiträge österreichischer Hochschulen, die hier teilweise noch Süddeutschland mit einbeziehen (katholische Reichsstände).
Portrait von Ambrosio Spinola Doria, Marqués de los Balbases (1569-1630). Erfolgreichster spanischer Feldherr und Oberbefehlshaber in den südlichen Niederlanden zu Anfang des 17. Jhdts. Dargestellt mit der Halskette des Goldenen Vlieses. Autodidakt, führte seinen militärischen Aufstieg auf theoretische Selbststudien der Kriegswissenschaften zurück. Gemälde: Stadhouderlijk Hof in Leeuwarden. Sammlung: Malerei; Leeuwarden Serie - ©gemeinfrei Portrait von Ambrosio Spinola Doria, Marqués de los Balbases (1569-1630). Erfolgreichster spanischer Feldherr und Oberbefehlshaber in den südlichen Niederlanden zu Anfang des 17. Jhdts. Dargestellt mit der Halskette des Goldenen Vlieses. Autodidakt, führte seinen militärischen Aufstieg auf theoretische Selbststudien der Kriegswissenschaften zurück. Gemälde: Stadhouderlijk Hof in Leeuwarden. Sammlung: Malerei; Leeuwarden Serie - ©gemeinfrei
Eine Ernüchterung tritt insoweit zu Tage, dass die heutige spanische Quellenforschung von den bekannten Werken deutscher Militärhistoriker teilweise abweicht, bzw. dort ein wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn eingetreten ist, der wie schon erwähnt in der deutschen Literatur noch nicht umfänglich Einzug gehalten hat. Eine zeitgemäß strukturierte Militärgeschichtsforschung erfordert Aufwände, die eine Randwissenschaft mit Nischencharakter so nicht erfüllen kann (Stückwerk). Ergänzend kann noch angefügt werden, dass hier teilweise eine verschobene Darstellung der damaligen Kriegsführung in bewegten Medien (TV, Kino) verbreitet wird, die jeglicher Grundlage entbehrt. Unbestritten hatte das Kriegswesen der Frühen Neuzeit (16./17. Jhdt.) bereits einen hohen Grad an Professionalität erreicht. Alle maßgeblichen Truppenführer besaßen eine grundlegende theoretische und/oder praktische Ausbildung in der jeweils aktuellen Kriegsführung, auf der Ebene der kleinsten Truppenkörper (Kompanie, Fähnlein) sprechen wir nahezu von frühen Berufssoldaten mit entsprechender Kampferfahrung, also Veteranen. Jeder Mann stand an seinem zugewiesenen Platz, die Formation wurde bis zuletzt gehalten, das Ablaufschema des Avancier- und Retiriermarsches war eingeübt und wurde monoton praktiziert, auch unter Beschuss. Hier befand sich keine einzige Arkebuse, Muskete oder Lanze/Pike am falschen Ort, nur die Gefechtsstärke schwankte zuweilen deutlich (Improvisation). In dieser Epoche gab es kein ernster betriebenes Geschäft wie das Kriegshandwerk, quer durch alle Standesschichten! Lockere Haufen, die ungeordnet in die Schlacht rannten und wiederum auf anstürmende lockere Gegenhaufen trafen, gab es nicht. Seit der Antike beherrschte die Bildung von geschlossenen Kampflinien das kriegerische Geschehen auf dem Schlachtfeld.
Die Oranische Heeresreform
Ein Kriegswandel mit weitreichenden Folgen
Graf Wilhelm Ludwig v. Nassau-Dillenburg (1560-1620). Portrait: Michiel Jansz. van Mierevelt (1567-1641), gemalt 1609, Reichsmuseum Amsterdam - ©gemeinfrei. Statthalter von Friesland, Militärreformer und Feldherr. Graf Wilhelm Ludwig v. Nassau-Dillenburg (1560-1620). Portrait: Michiel Jansz. van Mierevelt (1567-1641), gemalt 1609, Reichsmuseum Amsterdam - ©gemeinfrei. Statthalter von Friesland, Militärreformer und Feldherr.
Graf Wilhelm Ludwig von Nassau und die Niederlande
Die Oranische Heeresreform - Niederländische Ordonnanz - sah im Gegensatz zu den Gevierthaufen eine flache Formation aus höchstens 10 Mann in der Tiefe vor, die nach dem Muster der Römer und Byzantiner in kleinere und kleinste Abteilungen untergliedert war. Im Zentrum standen die Pikeniere, links und rechts schlossen sich dann die Arkebusiere an, zumeist im Troup-/Bataillon-/Kompanie-Verband zusammengefasst. Mehrere dieser Formationen wurden dann hintereinander versetzt angeordnet, zudem mit Reiterabteilungen vermischt, und bildeten somit eine Schlachtordnung in mehreren Treffen (Ordre de Bataille, franz. für Kampfaufstellung, Lineartaktik), die flexibel, schnell, und operativ gut lenkbar, eingesetzt werden konnte.
 
Die Problematik eines Übertrags antiker Vorbilder wurde von den niederländischen Militärreformern grundlegend betrachtet und auf das Brauchbare reduziert. Eine Studie des Grafen Johann v. Nassau beschreibt das grundlegende Problem der bis dahin angewandten Kriegsführung nach deutscher Manier sehr eingehend: "Die Deutschen hatten wenig von Reserven gewußt!" - Die Ursache ist "villeicht gewesen, daß bey unsern Zeitten gar eine andere Arth wegen der Rohr und Geschütz al bey den Alten wegen der Spies und Seithen Wehr zu schlagen gewesen. Jene haben mehr wegen ihrer Gewehr zusahmen und Handt an Handt komen mussen und derowegen die Triarios, welches ihr Reserv und der beste Hauf gewesen, notwendig anordnen müflen. Die unsere aber wegen ihrer Armatur haben und thun noch von weittem einander Schaden und bewegen solche Waffen, so wegen Grausamkeit des Geschützes und Tumults nicht so lang wehren alß die vorige, und offt der dritte Theil des Kriegsvolcks für der Flucht nicht zum Treffen und Schlagen kompt, ja offt in einer halben Stund alles außgericht ist".
[Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 171, K923, t II, BI. 101].
 
Erklärtes Ziel der niederländischen Heeresreformer war es: ein Regiment von 1.000 Mann muss ein feindliches Regiment von 3.000 Mann aufwiegen (Johann Jakob v. Wallhausen, 1615) - erhöhte Waffenwirkung trotz verminderter Truppenstärke - Qualität vor Quantität! Die Niederländer wollten gegen die gute spanische Infanterie das wenige Fußvolk in einem massiven Gewaltzusammenstoß nicht verlieren. Insoweit wurden hier nun neue Gefechtstaktiken erdacht und durchgespielt.
[H. V. VOSS; "Die Probleme der Fussvolktaktik in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts" in: Die Schlachten bei St. Quentin (10. August 1557) und bei Cravelingen (13. Juli 1558) nebst einem Beitrag zur Kenntnis der spanischen Infanterie im 16. Jahrhundert; (Historische Studien veröffentlicht v. E. Ebering, CXVIII, 1914) 150ff.]
Graf Moritz v. Nassau-Dillenburg, Prinz v. Oranien (1567-1625). Statthalter der Niederlande, Befehlshaber u. Reorganisator der vereinigten Armee der niederländischen Provinzen, Militärreformer. Während der Belagerung von Breda verstorben. Portrait:  Michiel Jansz. van Mierevelt (1567-1641) - ©gemeinfrei Graf Moritz v. Nassau-Dillenburg, Prinz v. Oranien (1567-1625). Statthalter der Niederlande, Befehlshaber u. Reorganisator der vereinigten Armee der niederländischen Provinzen, Militärreformer. Während der Belagerung von Breda verstorben. Portrait: Michiel Jansz. van Mierevelt (1567-1641) - ©gemeinfrei
Der theoretische Ansatz einer Heeresreform fand sich dann in den antiken Quellen, die in der niederländischen Landesuniversität hinterlegt waren. Im Einzelnen: Ailianos (Theorie und Taktik, 106 n.Chr.), ferner Polybios (nach 120 v.Chr.) und die Taktik des byzantinischen Kaisers Leo VI. (gest. 911 n.Chr.). Ausgehend von diesen Erkenntnissen ergaben sich dann grundlegende Vorstellungen über die zukünftige Organisation eines kleinen Berufsheeres mit entsprechenden Kompetenzen, unterstützt durch ein Milizheer. Der gewählte Ansatz basierte nun auf der Grundlage einer sorgfältigen Auswahl der Soldaten (dilectus), einer allgegenwärtigen Ordnung (disciplina), einer gesicherten Besoldung und einer verbesserten Ausbildung der Offiziere. Graf Wilhelm Ludwig von Nassau gilt hier als Wegbereiter dieser Heeresreform (1590), die mit der bahnbrechenden Einführung des "Exerzierreglement von 1593" durch Johann der Mittlere von Nassau-Siegen in seiner Defensionsmiliz eine erfolgreiche Umsetzung fand.
[Justus Lipsius als Theoretiker des neuzeitlichen Machtstaates. Zu seinem 350. Todestage (24. Mörz 1606), Historische Zeitschrift, CLXXXI (1956) i, 65 ff., G. OESTREICH].
 
Als erster Militärmacht Europas gelang es den Niederländern das bisherige Söldnerwesen in geordnete Bahnen zu lenken. Die geregelte Bezahlung der geworbenen Truppen begünstigte eine deutliche Hebung der Disziplin, der niederländische Söldner/Soldat erhielt alle 10 Tage auf die Stunde genau seinen Sold. Durch die zentrale Beschaffung von Waffen und Ausrüstung vereinheitlichte sich zudem die Truppen-/Waffenwirkung, die gründliche Ausbildung durch Exerzieren (Waffendrill) ermöglichte eine bis dahin nicht erreichte Professionalisierung der Soldaten. Eine darauf aufbauende Schaffung kleiner beweglicher taktischer Abteilungen mit nun einheitlichem Ausrüstungsstand garantierte deren Austauschbarkeit in der Schlachtordnung, verbunden mit einem stets vergleichbaren Gefechtswert (Standfestigkeit). Entsprechend zu diesen Verbesserungen wurde auch eine neue Kommandostruktur eingeführt, zur bisherigen Rolle des Vorkämpfers (Kampferfahrung) kamen nun die gestiegenen Aufgaben der Truppenführung hinzu (klassisch: Ober-/Unteroffiziere). Wir sprechen abschließend nun nicht mehr vom Söldner, sondern eher vom Soldat im klassischen Sinn. Prinz Moritz v. Oranien operierte dann mit diesem reformierten Heer erfolgreich gegen die Spanier, er bevorzugte nun auch die Entscheidung in offener Feldschlacht.

In den Zirkeln der Militärgeschichtsforschung wird die Oranische Heeresreform und deren Wirkung durchaus kontrovers diskutiert, ein tragfähiges Urteil dürfte sicherlich die zeitlose Definition der Publikation "Österreichische Militärische Zeitschrift" von 1864 darstellen: "Durch Moritz von Oranien kamen neue Gedanken in die Organisation und Aufstellung der Infanterie. Er strebte danach, die Massen durch bestimmte Exercir-Vorschriften für alle Fälle gefügig zu machen, verwarf aber alle Complicirtheit und drang zugleich auf die tüchtige Vorbildung der Individuen. Seine Hauptbemühung ging nach einfachen Formen, die vor dem Feinde die Mitwirkung aller Individuen ermöglichten."
["Das Wesen der Infanterie der Jetztzeit, geschilden nach deren historischer Entwickelung", Österreichische Militärische Zeitschrift, V (1864) iv, 79.] u. [Hahlweg, Werner; Vortrag 23.10.1970; Nederlands Historisch Genootschap Utrecht]
Die protestantischen Militärtheoretiker in Deutschland übernahmen die niederländische Ordonnanz zur Bildung oder Reformierung von landeseigenen Defensionalmilizen. Das theoretische Rüstzeug wurde zum Beispiel in der ritterlichen Kriegsschule des Grafen Johann VII. v. Nassau-Siegen eingehend vermittelt (Ritterakademie). Diese wurde 1616 im Zeughaus des Oberen Schlosses errichtet und dürfte die älteste bekannte Militärakademie darstellen. Der Markgraf Georg Friedrich von Baden-Durlach (1573-1638) kann hier als Beispiel herangezogen werden, der in seinen Landen eine Landesdefension begründete (u.a. Ausbau der Hochburg bei Emmendingen zur Landesfestung), als protestantischer Heerführer im Dreißigjährigen Krieg jedoch scheiterte (Schlacht bei Wimpfen - 1622, u.a.).
König Gustav II. Adolf v. Schweden (1595-1632). Militärreformer und Feldherr, in der Schlacht bei Lützen tödlich verwundet. Gustav II. Adolf erfüllte nicht umfänglich die in seine Person gesetzten Erwartungen der protestantischen Reichsstände. Er verfolgte eigene politische Zielsetzungen, die durchaus in anderen Bahnen verliefen wie anfangs erhofft. Die Schweden konzentrierten ihre militärischen Aktionen gegen das Kurfürstentum Bayern, Gustav Adolf hatte Maximilian I. v. Bayern zum Hauptgegner erkoren - ©gemeinfrei König Gustav II. Adolf v. Schweden (1595-1632). Militärreformer und Feldherr, in der Schlacht bei Lützen tödlich verwundet. Gustav II. Adolf erfüllte nicht umfänglich die in seine Person gesetzten Erwartungen der protestantischen Reichsstände. Er verfolgte eigene politische Zielsetzungen, die durchaus in anderen Bahnen verliefen wie anfangs erhofft. Die Schweden konzentrierten ihre militärischen Aktionen gegen das Kurfürstentum Bayern, Gustav Adolf hatte Maximilian I. v. Bayern zum Hauptgegner erkoren - ©gemeinfrei
Schwedische Ordonnanz
Eine Weiterentwicklung der Oranischen Heeresreform stellte dann die "Schwedische Ordonnanz" im Dreißigjährigen Krieg dar. Das rollierende Feuergefecht gewann hier immer mehr an Gewicht, die Pikeniere sicherten die Musketiere nur noch ab (ein Drittel der Gesamtstärke). Eine mögliche Verflachung der Formationstiefe auf nur noch 6 Mann (Glieder) verbreiterte die Gefechts-/Feuerfront nochmals (Einführung: König Gustav II. Adolf v. Schweden, Papierpatrone u. Patronentasche). Der entscheidende Angriff auf den geschwächten Gegner sollte nun durch eine Schockattacke der schweren Reiterei mit der blanken Waffe erfolgen. Das aufwendige Caracole-Reitermanöver (Feuerkampf) zum Abfeuern der Reiterpistolen (Radschloss) passte nicht mehr zur bevorzugten Gefechtsdoktrin, die Bandelier-Arkebusiere zu Pferd mit ihren Radschlossarkebusen mussten sich ebenfalls taktisch umgruppieren. Mit der Einführung neuer Instruktionen für die schwedische Reiterei wurde das Caracolieren von Gustav II. Adolf verboten, im Verlauf des Schwedischen Krieges schaffte auch der kaiserliche Feldherr Wallenstein dieses Manöver bei seiner Reiterei ab. Zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges setzte sich die Reiterei dann aus Lanzierer (demi-lancer), Kürassiere (Corazzen - auch "Deutsche Reiter", mit Trabharnisch, später Kürass) und Arkebusierreiter (Bandelierreiter) zusammen [Interner Link]. Die Dragoner zählten noch zur Infanterie (mobile Gewehrschützen: Verlegung zu Pferd, Feuerkampf zu Fuß in Linie). Der schon erwähnte gepanzerte Lanzierer trat zu dieser Zeit allerdings nur noch vereinzelt auf, in Frankreich war er schon nahezu verschwunden, bzw. aus der Mode gekommen. Seine Lanze wurde durch die Radschlosspistolen der Kürassiere (vgl. Corazzen) ersetzt. Im spanischen Heer war der klassische Lancierer (demi-lancer) allerdings noch eine Zeit lang in Verwendung, dort bot sich diesem noch ein taktisches Einsatzfeld an.
Johann VII. Graf zu Nassau-Siegen, auch Johann der Mittlere, (1561-1623) ©gemeinfrei. Militärreformer und Feldherr. Portait: Jan Antonisz. van Ravesteijn (1572-1657) - Rijksmuseum Amsterdam. Johann VII. Graf zu Nassau-Siegen, auch Johann der Mittlere, (1561-1623) ©gemeinfrei. Militärreformer und Feldherr. Portait: Jan Antonisz. van Ravesteijn (1572-1657) - Rijksmuseum Amsterdam.
Warum gerade Schweden?
Die Schweden kamen 1601/02 erstmals mit der oranischen Kriegsführung in Berührung, Graf Johann der Mittlere v. Nassau-Siegen führte in Diensten des Herzogs v. Södermanland in Liefland (Livland) ein schwedisches Korps gegen die Polen. Das Ausexerzieren dieser Truppen nach der niederländischen Ordonnanz wurde von den Schweden dann beibehalten und vom innovationsfreudigen König Gustav II. Adolf nochmals verbessert. Die Feldzüge von 1621-26 in Livland und 1626-29 gegen Polen (Preußen) festigten dann die innere Struktur des schwedischen Heeres. Der Aufbau eines schwedischen Rüstungszentrums durch niederländische Unternehmer, beginnend um ca. 1627, garantierte dann eine unabhängige Versorgung der Truppen mit Luntenschlosswaffen. Ein beschleunigter Aufbau der Streitkräfte wurde nun möglich und erreichte 1629/30 seinen Höhepunkt. Mit der 1630 erfolgten Landung des schwedischen Heeres bei Peenemünde auf der Insel Usedom (15.000 Mann) wurden die Kampfhandlungen zur Durchsetzung eigener hegemonialer Ansprüche in Deutschland (Vorpommern) dann eröffnet. Es begann nun der Schwedische Krieg, der in seinen Auswüchsen alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen sollte.
Exerzierkunst
In ihrer Vollendung fand die schwedische Exerzierkunst dann auch zeitgenössisches Lob, in seinem Werk "Kriegskunst nach Königlich Schwedischer Manier..." von 1633 überliefert uns Traupitz [1] deren Vorzüge. Der Bericht des Schotten Monro, als aktiver Teilnehmer an den Schlachten bei Breitenfeld und Lützen auf schwedischer Seite, geht dann eingehend auf das schwedische Exerzierreglement und seiner praktischen Umsetzung ein: "Ein ganzes Regiment, diszipliniert wie dieses, ist wie ein Körper und eine Bewegung, die Ohren hören gleichmäßig auf das Kommando, die Augen wenden sich mit demselben Ruck, die Hände arbeiten wie eine Hand." Seine sicherlich voreingenommene Meinung zur deutschen Manier ist gelinde gesagt herabsetzend: "in Deutschland die Soldaten wie die eine He[e]rde Rinder oder Schweine dahintrotteten." Unbestritten kann das Schwedische Heer als das fortschrittlichste dieser Zeit angesehen werden, seine Gegner lernten aber schnell hinzu. Der Überraschungseffekt versiegte zusehends, die schwedischen Verluste stiegen an...
[1] Kriegskunst nach Königlicher Schwedischer Manier eine Compagny zu richten, in Regiment, Zug: und Schlachtordnung zu bringen, zum Ernst anzuführen, zu gebrauchen und in esse würklich zu underhalten. Durch Laurentium à Traupitzen. Frankfurt a.M., 1633. Univ.-Bibl. Göttingen.
Schwedische Ordonnanz in einem Stich von Matthäus Merian - Theatrum Europaeum - ©gemeinfrei.
Schwedische Ordonnanz in einem Stich von Matthäus Merian - Theatrum Europaeum - ©gemeinfrei.
Die oben dargestellte schwedische Brigade mit drei Schwadronen (Schwadron = Vierfähnlein, vier Kompanien) befindet sich noch in Bereitstellung und hat noch keine verbreiterte Feuerlinie eingenommen. Hierzu schlossen bei Bedarf die Musketier-Divisionen der hinteren beiden Schwadronen nach vorne auf und bildeten eine lineare Gefechtsfront (Schützenwechsel: Enfilade, Conversion, auf der Stelle). Bei Gefahr zogen sich diese dann wieder hinter die Pikenierfront zurück. Entsprechende Formationswechsel waren verlässlich eingeübt und schnell umsetzbar. Dieser Formationstyp begegnet uns auf nahezu allen zeitgenössischen Schlachtdarstellungen mit schwedischer Beteiligung. In seltenen Fällen formierte das Schwedische Heer auch verstärkte Brigaden mit vier Schwadronen (1628-31), König Gustav II. Adolf führte diese Neuerung präventiv ein (1628/29), um gegen die ligistisch-kaiserlichen Tercios im Feld "sicher" bestehen zu können.
 
Es ist wichtig den Unterschied zwischen einer schwedischen Brigade und einem Regiment zu verstehen. Brigaden waren temporäre/taktische Gefechtsformationen auf dem Schlachtfeld, denen aus unterschiedlichen Regimentern Schwadronen mit jeweils vier Kompanien zugewiesen werden konnten. Da die Mannschaftsstärke der zuweisenden Regimenter variierte, kam es nicht selten zu einer Vermischung.
Eine schwedische Schwadron organisierte sich auf der Basis eines niederländischen Bataillons oder Halbregiments unter Prinz Moritz v. Oranien von 1614 (Schlacht vor Rees) und wurde zwischen 1617-21 im schwedischen Heer eingeführt. Nach [Watts] - Die Schwedische Disziplin - umfasste die Schwadron 504 Mann ohne die Offiziere, gegliedert in 36 Rotten Pikeniere zu je 6 Mann (Vorzug), 32 Rotten Musketiere (Mittelzug) und einer Abteilung von weiteren 16 Rotten Musketiere, geteilt in zwei Flügel (Nachzug). Eine schwedische Brigade zu drei Schwadronen umfasste somit in Summe 1.512 Mann ohne die Offiziere (Stand: 1627-28, 1631-34).
 
Bild: Schwedische Schwadron (png, 8 KB)
Bild: Schwedische Brigade (png, 12 KB)
Musketiere und Pikeniere aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges im Saal 1 des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien - ©gemeinfrei [Pappenheim] Musketiere und Pikeniere aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges im Saal 1 des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien - ©gemeinfrei [Pappenheim]
Das Regiment im Dreißigjährigen Krieg (1618-48)
Georg Ortenburg zitiert in "Heerwesen der Neuzeit" die Zusammensetzung eines (deutschen) Infanterie-Regiments zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) wie folgt: "...Die hier vorhandenen 3.000 Mann benötigten 10 Fahnen zu je 61 Taler, 60 Partisanen für Offiziere, 200 Hellebarden für Unterbefehlshaber, 30 Trommeln und Pfeifen. Dazu kamen 1.200 Piken und 1.200 Pikenierharnische, je 1.800 Schützenröcke und Flaschenleder, 1.500 Musketen und ebensoviele Musketengabeln und Bandeliere, sowie 300 Handrohre (Arkebusen)." [Quelle: Johann Jakob von Wallhausen: Kriegskunst zu Fuß, Oppenheim 1615, S. 97.].
 
Regimentswirtschaft
Ein vollständig ausgerüstetes Regiment führte bis zu 1.600 Pferde mit, die von Hunderten von Knechten und Jungen betreut werden mussten. Daneben brauchte es große Mengen von Bekleidung, Leder- und Sattelzeug, Zelten und Fuhrwerken. Das Regiment dieser Zeit stellte somit eher eine Verbands-/Verwaltungseinheit mit eigenständiger Logistik und Organisation dar, wie einen taktischen Gefechtskörper. Diese Rolle übernahm die Tercioformation.
 
Rüstungszentren
Das Königreich Schweden rüstete als größtes Rüstungszentrum in Europa zwischen 1629/30 mehr als 15 Regimenter zu Fuß und nahezu 5.000 Reiter aus (Schwedische Ordonnanz), die dortigen Erzlagerstätten warfen hochwertiges Kupfer und vorzügliches Eisenerz aus. Hauptfinanzierer der schwedischen Truppen waren die protestantischen Niederlande. Mit der 1627 beginnenden Verlagerung von Rüstungskapazitäten aus den Niederlanden (Amsterdam, Utrecht, Maastricht und ´s-Gravenhagen) nach Schweden, entstand im dortigen Jönköping das schon erwähnte Rüstungszentrum des schwedischen Heeres. Deutsche Hauptwaffenzentren waren Nürnberg und Suhl, daneben noch Solingen, Essen und Augsburg. Ein Büchsenlauf kostete 1632, bei einem Produktionslos von 10.000 Stück, umgerechnet 3 Taler. Interner Link: [Münzwesen]
 
Weitere Info:
Adobe  Diplomarbeit - Das Leben eines Söldners im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648)
Schwerpunkt: Katholische Liga (ligistische Regimenter); Univ. Berlin (Pdf - 5,4 MB)
WEB: [von Müller, Marco]
Die Katholische Liga
Schutzbündnis der katholischen Reichsstände und Prälaten
Maximilian I. Herzog und späterer Kurfürst v. Bayern (1573-1651). Gründer und Führer der Katholischen Liga von 1609/19, die süddeutschen katholischen Reichsstände und Prälaten versammelten sich in diesem Defensivbündnis. Akteur einer gewinnenden Hauspolitik zwischen den Konfliktparteien Habsburg, Spanien und Frankreich, politischer Hauptgegner von Wallenstein im kaiserlichen Lager. Nach dessen Ermordung in Eger konnten die operativen Kriegsziele der Truppen des Kaisers, der Liga und einer spanischen Armee enger abgestimmt werden. Die Schweden wurden nachfolgend in der Schlacht bei Nördlingen entscheidend geschlagen und zogen sich vorerst in den Norden zurück. Mit dem Eintritt von Frankreich in den Krieg begann dann die blutigste Phase des 30-jährigen Krieges. Um 1645 setzte sich dann langsam die Erkenntnis durch, das Mensch, Material und Kriegswille an einem Totpunkt angelangt waren. Bild: Grafik aus dem Klebeband Nr. 1 der Fürstlich Waldeckschen Hofbibliothek Arolsen - ©gemeinfrei Maximilian I. Herzog und späterer Kurfürst v. Bayern (1573-1651). Gründer und Führer der Katholischen Liga von 1609/19, die süddeutschen katholischen Reichsstände und Prälaten versammelten sich in diesem Defensivbündnis. Akteur einer gewinnenden Hauspolitik zwischen den Konfliktparteien Habsburg, Spanien und Frankreich, politischer Hauptgegner von Wallenstein im kaiserlichen Lager. Nach dessen Ermordung in Eger konnten die operativen Kriegsziele der Truppen des Kaisers, der Liga und einer spanischen Armee enger abgestimmt werden. Die Schweden wurden nachfolgend in der Schlacht bei Nördlingen entscheidend geschlagen und zogen sich vorerst in den Norden zurück. Mit dem Eintritt von Frankreich in den Krieg begann dann die blutigste Phase des 30-jährigen Krieges. Um 1645 setzte sich dann langsam die Erkenntnis durch, das Mensch, Material und Kriegswille an einem Totpunkt angelangt waren. Bild: Grafik aus dem Klebeband Nr. 1 der Fürstlich Waldeckschen Hofbibliothek Arolsen - ©gemeinfrei
Das Herzogtum Bayern, seit 1623 persönliches und 1628 erbliches Kurfürstentum, betrieb sehr engagiert die Gegenreformation und galt als treibende Kraft der katholischen Reformbewegung, die ausgehend vom Konzil von Trient (1545-63) eine Behebung und Zurückdrängung von kirchlichen Missständen vorantrieb. Die von Kaiser Rudolf II. v. Habsburg verursachte Reichskrise löste dann eine präventive Reaktion des bayerischen Herzogs Maximilian I. aus. Mit der Gründung eines militärischen Defensivbündnisses, der Katholischen Liga von 1609, bezog Bayern eine exponierte Stellung innerhalb des Reichsverbandes und bildete den Gegenpol zur Protestantischen Union (1608-1621). Im Jülicher Erbfolgekrieg (1609-14) kam es dann zu einer ersten politischen Konfrontation zwischen Bayern und der Habsburger Dynastie, die Liga wurde kurzerhand aufgelöst. 1617 erfolgte dann erneut die Bildung einer kleinen Rumpf-Liga unter bayerischer Führung, zunächst noch auf eine Dauer von vier Jahren begrenzt. Bayern setzte seine militärische Bündnispolitik konsequent fort, eine sich schon andeutende Verschiebung der Machtverhältnisse im Reich zu Gunsten des Protestantismus ließ eine kriegerische Konfrontation als wahrscheinlich erscheinen. Die pfälzische Anwartschaft auf die böhmische Königskrone wurde von den Habsburgern als direkte Herausforderung aufgefasst, die Zeichen standen nun unweigerlich auf Krieg. Dieser wurde dann 1619 vom pfälzischen Kurfürsten Friedrich V. mit verheerenden Nachwirkungen in Gang gesetzt, innerhalb des Hauses Wittelsbach ergab sich nun zudem eine Gegnerschaft zwischen der calvinistischen Pfalz und dem katholischen Bayern. Mit der 1619 erfolgten Wiederherstellung der Gesamtliga hatte das ligistische Bündnis seine uneingeschränkte militärische Handlungsfähigkeit wieder erlangt (jura armorum et foederis), man war nun wohl gerüstet in Wehr und Waffen. Unbestritten trat Bayern als das am modernsten organisierte, finanzstärkste Fürstentum des Römischen Reiches in den Dreißigjährigen Krieg ein! Im weiteren Verlauf wandte das neugekürte Kurfürstentum dann erhebliche Ressourcen für diesen kriegerischen Konflikt auf, der zudem auch schwere Kriegsschäden im Land hinterließ.
 
Kurfürstentum Bayern
 
Fahne Kurbayerns - ©GNU-Licence 1.2
Mit der 1623 erfolgten Übertragung der eingezogenen pfälzischen Kurwürde an Maximilian I. von Bayern wechselte auch der goldene Reichsapfel im roten Feld (Erztruchsessenschild: roter Regalienschild + Reichsapfel) in dessen Wappen und Fahne, als augenscheinliches Zeichen der erlangten Kurwürde. Ein pfälzisch-bayerischer Streit um das Erztruchsessenschild zog sich dann noch länger hin, im Grunde eine Banalität, die aber ständische Empfindlichkeiten berührte. Bild: ©GNU-Licence 1.2
Adobe  Zeitleiste zum Dreißigjährigen Krieg (Pdf - 90 KB) - WEB: [Univ. Münster]
http://www.uni-muenster.de/FNZ-Online/politstrukturen/dreikrieg/quellen/zeitleiste.htm
Maximilian I. (* 17. April 1573 in München; † 27. September 1651 in Ingolstadt) war seit 1597 Herzog von Bayern und seit 1623 Kurfürst des Heiligen Römischen Reiches. Dargestellt mit dem Orden vom Goldenen Vlies um 1630. Gemälde: Schloss Berchtesgarden - ©gemeinfrei Maximilian I. (* 17. April 1573 in München; † 27. September 1651 in Ingolstadt) war seit 1597 Herzog von Bayern und seit 1623 Kurfürst des Heiligen Römischen Reiches. Dargestellt mit dem Orden vom Goldenen Vlies um 1630. Gemälde: Schloss Berchtesgarden - ©gemeinfrei
Die Katholische Liga als Feldherr
Wie schon [Franz Weber] trefflich feststellte, konnte das Heer der Katholischen Liga durch eine vorausschauende Planung des bayerischen Herzogs Maximilian I. in relativ kurzer Zeit gebildet werden. Mit dem 1594 ausgerufenen Aufbau eines Landesdefensionswerkes wurden die Grundlagen hierfür geschaffen, aus allen Herren Länder kamen erfahrene Truppenführer nach Bayern. Die von Maximilian I. errichtete Heeresverwaltung, überwacht von Kriegskommissaren und weiteren Militärbeamten, zeigte hier schon funktionale Ansätze eines modernen Heerwesens auf (Militärorgane). Ein harter Lernprozess für die Söldner und Karrieristen, die eine solche Bevormundung bis dahin nicht kannten. Wer bei der Katholischen Liga allerdings im Sold stand erhielt diesen auch regelmäßig, ein gewichtiger Unterschied zu anderen Heeren. Die Finanzierung der Truppen musste jedoch auch in kritischen Zeiten beibehalten werden, den ligistischen Reichsständen, Prälaten und Landschaften wurden zeitweise schwere Lasten auferlegt. In den ersten Kriegsjahren konnte der Sold noch monatlich ausbezahlt werden, schon 1628 kippte dieses System allerdings. Die Soldaten erhielten nur noch ein- bis zweimal pro Jahr eine Auszahlung. Letztlich reichte die finanzielle Leistungsfähigkeit Bayerns nicht mehr aus, um die Truppen regelmäßig mit Sold zu versorgen. Hinzu kam noch die eingetretene Münzverschlechterung dieser Jahre. Das von Wallenstein eingeführte Kontributionssystem wurde nun notgedrungen auch vom Ligaheer und der späteren kaiserlich-bayerischen Armee übernommen. Für den September 1637 liegt eine Meldung von Jan v. Werth vor, der darin bitter beklagt, das seine Truppen seit zwei Jahren "keinen Heller empfangen" und bat eindringlich "um Succurs und Hülfe für die armen Soldaten, sonst gehe alles zu Grund...". Insoweit erklären sich auch die Raubzüge der Soldaten, die ihren Lebensunterhalt ja irgendwie bestreiten mussten. Eine verbreitete Unsitte unter den Befehlshabern war das Einstreichen der Unterhaltsgelder der Truppen, diese wurden dann zu Plünderungszügen angehalten um diese Gelder oder Leistungen andernorts wieder einzutreiben. Letztlich traf es immer die Bevölkerung im Kriegsgebiet - "Ein Heer ist ein großes gefräßiges Tier..."
Bayerische Archäologie, Heft 4/2014 - ©Pustet Verlag - keine Werbung! Titelthema: 30 Jahre Krieg 1618-1648. Artikelserie: Deutsches Reich 1620, Prager Fenstersturz, Frontalangriff auf Bayern, Kriegsvolk, Belagerung, Leiden des Volkes, die Toten von Nördlingen und Alerheim und die Schlachtfeldarchäologie. Bayerische Archäologie, Heft 4/2014 - ©Pustet Verlag - keine Werbung! Titelthema: 30 Jahre Krieg 1618-1648. Artikelserie: Deutsches Reich 1620, Prager Fenstersturz, Frontalangriff auf Bayern, Kriegsvolk, Belagerung, Leiden des Volkes, die Toten von Nördlingen und Alerheim und die Schlachtfeldarchäologie.
Zusammensetzung
Zeitgleich zum Aufbau des kaiserlichen Heeres ab 1624/25 durch Wallenstein veränderte sich dann auch die Zusammensetzung des ligistischen Heeres. Dieses wurde nun einheitlicher und nach 1632/35 auch kleiner, wandelte sich von einem heterogenen in einen homogenen Heeresverband. Der stattgefundene Wechsel ligistischer Offiziere und Mannschaften zu den kaiserlichen Truppen führte zwar zu einer Schwächung des Ligaheeres, ermöglichte nun aber die besagte Umstrukturierung zu einem einheitlicheren Truppenkörper. Eine im Grunde durchaus positive Entwicklung, die mit der Übernahme der ligistischen Regimenter in die Neue Reichsarmee (1635) auch eine Fortsetzung fand. Die katholischen Reichsstände mussten allerdings ihr Recht zur Kriegsführung - jura armorum et foederis - abtreten, der Kaiser war nun Oberbefehlshaber und der bayerische Kurfürst Befehlshaber des neu gebildeten kaiserlich-bayerischen Reichskorps. Dieses umfasste dann ein Viertel der gesamten Reichsarmee und wurde vom Kurfürstentum Bayern finanziert.
 
Gliederung des bayerischen Heeres [Franz Weber]
Aufstellung nach der deutschen Werbung, die Regimenter zu Fuß in der Regel zu 10 Fahnen mit je 300 Mann, die Reiterregimenter anfänglich mit 4-6 Kompanien zu je 100 oder auch 120 Pferden. Mit fortlaufender Kriegsdauer sank die Truppenstärke der Infanterie dann ab, um 1631 umfasste ein Regiment zu Fuß noch rund 1.200 bis 1.500 Mann, später noch weniger. Bei der Reiterei kehrte sich diese Entwicklung allerdings um, dort kam es zu einem deutlichen Anstieg. 1647 umfasste ein Reiterregiment dann 8-10 Kompanien mit 700 bis 1.000 Pferden, das Verhältnis betrug nun 9.000 Mann Infanterie zu 9.200 Reiter. Bei der Infanterie betrug das Verhältnis der Musketiere zu den Pikenieren anfänglich noch 1:1, bereits 1622 dann 2:1. Mit der Verkleinerung der spanischen Tercios, vormals 2.000 bis 3.000 Mann, trat nun ebenfalls ein Wandel bei den katholischen Mächten ein, die überkommene spanische Fechtweise veränderte sich zusehends. Auch die Kavallerie nahm neuere Formen an, dort bildete sich nun die Profilierung der Kürassier-, Arkebusierreiter-, Dragoner- und Kroatenregimenter stärker aus. Zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges betrug die Stärke der Katholischen Liga 21.000 Mann Fußvolk und 4.000 Reiter (1619), 1620/32 wurde ein Höchststand von 26.000 Mann Fußvolk und 5.500 Reiter erreicht. In den 1640er Jahren lag diese dann bei etwa 20.000 Mann, je zur Hälfte Infanterie und Reiterei (1:1). Die überlieferten Stärken schwanken allerdings beträchtlich und können nur ausschnittsweise wiedergegeben werden. Gegen Ende des Krieges gingen dann sprichwörtlich die Rekruten aus, einfacher Pikenier wollte niemand mehr werden.
 
Rangfolge
In der bayerischen Armee rangierten die Generalsränge wie folgt: a) Generalfeldmarschall - Oberbefehlshaber, b) General - z.B. der Kavallerie, c) Generalwachtmeister - z.B. der Kavallerie, d) Generalfeldzeugmeister - Artillerie und Kriegsgerät. Diesen nachgeordnet der Feldmarschallleutnant und Feldzeugmeister. Auf Regiments-/Fähnlein-Ebene ergab sich folgende Rangfolge: Obrist mit seinem Stab (Obristleutnant, Obristwachtmeister [Major], Regimentssekretär, Proviantmeister, Wagenmeister, Quartiermeister). Nachgeordnet die Fähnlein-/Kompanie- und Schwadron-Chefs: Hauptleute, Rittmeister, sowie die Dienstgrade: Leutnant, Fähnrich, Feldwebel, Wachtmeister und Sergeant.
 
Artilleriepark
Feldartillerie: Kartaunen (halbe) - Kaliber 15 cm, Geschossgewicht 24 Pfd. Eisen, 16 Pferde Geschirr ; Schlangen - Kaliber 12 cm, Geschossgewicht 12 Pfd. Eisen, 12 Pferde Geschirr ; Falkonen - Kaliber 9 cm, Geschossgewicht 5 Pfd. Eisen, 8 Pferde Geschirr ; Falkonets - Kaliber 7 cm, Geschossgewicht 1-3 Pfd. Eisen, 6 Pferde Geschirr ; zugehörige Fuhrwerke und Munitionswagen.
Belagerungsartillerie: Böller (Mörser), je 8 Pferde; Bockböller und Petarden auf Wagen.
 
Weitere Info:
Franz Weber; Gliederung und Einsatz des bayerischen Heeres im Dreißigjährigen Krieg,
Marcus S. Junkelmann; Feldherr Maximilians: Johann Tserclaes Graf von Tilly,
in: Um Glauben und Reich, Kurfürst Maximilian I.; Hubert, Glaser (Hrsg.).
WEB: Furttenbach, Joseph; Architectura universalis; 1635, Ulm; [Digitalisat Univ. Heidelberg]
Adobe  Organigramm: Bayerisches Heer - Dreißigjähriger Krieg (Pdf, 64 KB)
Reiterstatue von Johann T'Serclaes, Graf von Tilly, in Altötting von Sebastian Osterrieder (1864–1932) - Bild: ©CC BY-SA 3.0 - Martin Falbisoner Reiterstatue von Johann T'Serclaes, Graf von Tilly, in Altötting von Sebastian Osterrieder (1864–1932) - Bild: ©CC BY-SA 3.0 - Martin Falbisoner
Maßgebliche Befehlshaber
Seit 1609/10 kommandierte der erprobte General Johann T'Serclaes von Tilly (1559-1632) die bayerischen Regimenter, der Aufbau eines effizienten Führungskaders hatte konkrete Formen angenommen. Tilly konnte hier auf seine Ausbildung unter dem Kommando von Alexander Farnese, Herzog von Parma [Interner Link], zurückgreifen, der als bedeutender italienischer Feldherr und Diplomat in spanischen Diensten stand und über ein anerkanntes militärisches Talent verfügte. Tilly war zeitlebens dem spanischen Heer und seinen Herrschern verbunden, seine Analyse des europäischen Kriegstheaters basierte auf persönlichen Erfahrungen und klaren Annahmen. Als Grundübel verortete er die niederländischen Generalstaaten, die als "uranstifter alles unheils in- und außerhalb des reichs" wirkten und somit "der gewinschte Frit im Teutschland also lang nit zu hoffen, bis das gegen die Hollendern der krieg offensive gefüert werde". Eine beabsichtigte Destabilisierung des Heiligen Römischen Reiches und seiner alten Reichsordnung kann den Generalstaaten als Motivlage durchaus zugeschrieben werden, es ging hier wahrlich nicht nur um die beschworene Freiheit! Es erklärt sich somit auch die Nähe des Generals zum spanischen Königshof, der zudem eine rege Korrespondenz mit der spanischen Infantin Isabella unterhielt. Seine Einschätzung zielte darauf ab, dass die Spanier auch im Interesse des Reiches unterstützt werden müssten, eine Zusammenarbeit mit diesen zu bewerkstelligen sei.
Batallas de la Guerra de los Treinta Años, William P. Guthrie - ©Ediciones Platea Historia Militar Batallas de la Guerra de los Treinta Años, William P. Guthrie - ©Ediciones Platea Historia Militar
Mit diesen persönlichen Eindrücken wirkte Tilly nun in bayerischen Diensten und betrat als Feldherr des katholisch-ligistischen Heeres das Schlachtfeld des Dreißigjährigen Krieges. 1620 stand die Katholische Liga mit nahezu 32.000 Mann kampfbereit zur Verfügung, der Krieg brach sich nun eine Bahn. Die taktische Vorgabe des Generals von Tilly zielte dann darauf ab den Gegner sofort zu stellen und anzugreifen, sobald sich eine aussichtsreiche Gelegenheit dafür bot. Aggressiv und kühn auf eine schnelle Vernichtung des Gegners hinwirkend, wurde unter Einsatz aller Mittel und Inkaufnahme möglicher Risiken der finale Sieg angestrebt. Seine mehrfachen Vorstöße zur Überlassung oder Ausleihe ligistischer Truppen an Spanien zur Bekämpfung der Niederländer wurden von Maximilian I. allerdings nicht unterstützt, dieser befürchtete größere politische Verwicklungen und Nachteile. In Folge konnten somit auch keine durchschlagenden Erfolge erzielt werden, Tilly war als erfahrener Militär "deutlich" pragmatischer eingestellt und hatte die niederländischen Generalstaaten und deren Rolle weitsichtiger eingeschätzt. Mit einer Zerschlagung oder Neutralisierung der niederländischen Rückzugsbasis wäre der Krieg deutlich früher in eine entscheidende Phase eingetreten, die Schweden waren zu dieser Zeit für eine Intervention noch nicht ausreichend gerüstet.
 
WEB: Batallas de la Guerra de los Treinta Años, William P. Guthrie
Erstaunlicherweise schlug Tilly dann 1630 das Angebot der Spanier und des Kaisers aus, den Oberbefehl über alle spanischen Truppen in den Niederlanden zu übernehmen. Wiederum erkannte der bayerische Kurfürst die Wichtigkeit und Tragweite eines solchen Unternehmens nicht, er erteilte seinem Feldherren indirekt keine Freigabe für diese neue Aufgabe. Wieder eine verpasste Gelegenheit mit weitreichenden Folgen!
Albrecht v. Waldstein (Wallenstein), Herzog v. Friedland u. Sagan (1583-1634). Portrait: A. Van Dyck - ©gemeinfrei Albrecht v. Waldstein (Wallenstein), Herzog v. Friedland u. Sagan (1583-1634). Portrait: A. Van Dyck - ©gemeinfrei
Schwere Konflikte
Raub- oder Glücksritter
des Dreißigjährigen Krieges, wie ein Halberstadt, Mansfeld, Wallenstein, Sachsen-Weimar oder Wrangel, waren im bayerischen Heer nicht anzutreffen, ligistisch-bayerische Befehlshaber dienten der Sache und hatten keine Option auf politische Machtpositionen. Es gab hier keinerlei Missverständnisse, die Haltung des bayerischen Herrschers war pragmatisch und eindeutig. Hier begründete sich auch das Zerwürfnis zwischen Maximilian I. und Wallenstein, der Friedländer schuf sich durch eigene Handlungen einen gefährlichen politischen Gegner. 1626 trat dieser Gegensatz dann erstmals verschärft zu Tage, das Wallensteinsche Heer eröffnete dem Kaiser eine Alternative zum bayerischen Kurfürsten und der Liga, mit dem Entzug der Quartiere und Verpflegungsbasen wurde das ligistische Heer nun selbst in seinem Bestand gefährdet! Der politische Machtanspruch Wallensteins löste in Folge schwere bayerische Befürchtungen aus. Als sehr unglücklich erwies sich dann die Eskalation der Habsburger mit Frankreich in der Mantuanischen Erbfolgefrage, die Bayern verweigerten in Folge jede militärische Beteiligung an diesem neu aufflammenden Konflikt. Auf dem Regensburger Kurfürstentag von 1630 erzwang die Katholische Liga dann die Entlassung Wallensteins, eine Verkleinerung des kaiserlich-wallensteinschen Heeres, sowie die erforderliche Zustimmung des Kurkollegs zur Führung auswärtiger Kriege des Reiches. Es ist klar erkennbar, dass die Bayern hier eine abgesetzte Politik gegenüber Habsburg praktizierten, mit dem erklärten Ziel, Frankreich auf keinen Fall in einen Krieg zu verwickeln. Kurfürst Maximilian I. war sich über die militärischen Folgen eines französischen Eingreifens durchaus im klaren, es wäre dann um die eigene Existenz gegangen. Insoweit erklärt sich auch sein politisches Handeln gegenüber den Franzosen, die den Bayern anfänglich noch einen Neutralitätsstatus gegenüber den Schweden einräumen wollten (1632, Resident: Jean de Beaumont, sieur de Saint-Etienne, gouverneur de Chateau-Renaud) [1]. Der schwedische König Gustav II. Adolf betrachtete jedoch den bayerischen Kurfürsten als einen Hauptgegner, sein am 7. April 1632 bei Donauwörth begonnener Feldzug zielte ja auf eine vollständige Okkupation des Landes ab. Die Verweigerung Wallensteins zur Waffenhilfe gegenüber den Bayern, trotz kaiserlicher Ermahnungen, war dann allerdings außergewöhnlich. Dieser blieb völlig unbeteiligt in Böhmen stehen, während die Bayern bei Rain am Lech unterlagen. Der in den kaiserlichen Dienst zurückberufene Wallenstein regulierte hier augenscheinlich persönliche Empfindlichkeiten.
WEB: Liste der französischen Gesandten in Bayern
[1] Die Verhandlungen müssen den Quellen zufolge chaotisch abgelaufen sein, der schwedische König drohte mit der totalen Verwüstung Bayerns und forderte eine Unterwerfung, unabhängig davon, ob hier Frankreich interveniere oder nicht. Er kämpfe gegen jedes Volk, auch gegen 40.000 Franzosen. Anscheinend überwog hier dann seine Geldgier, die Bayern konnten sich mit Unsummen teilweise eine Schonung erkaufen. Nach dem Abzug der Schweden nach Sachsen erging vom bayerischen Kurfürsten der Befehl, dass allen schwedischen Soldaten, denen man noch habhaft werden konnte, kein Pardon zu gewähren sei. Wer gefangen wurde, ging seinem Tod entgegen.
 
Die Ermordung des wieder erstarkten Herzogs v. Friedland in Eger durch eigene Vertraute (1634) stellte dann das Finale eines machtpolitischen Desasters dar (Rubrik: Habsburgischer Kollateralschaden). Das kaiserliche Haus Habsburg in Wien bezog hier zeitweilig eine befremdlich wankelmütige Position, die bei den verbündeten Mächten durchaus Besorgnis auslöste. Nicht umsonst kam es hier zu einer engeren politischen Abstimmung zwischen der Katholischen Liga und Spanien. 1635 trat dann der militärisch größte anzunehmende Unfall ein, Frankreich betrat das Schlachtfeld im Kampf gegen die Habsburger. Jetzt ging es um alles oder nichts...
Büste des Franz Freiherr von Mercy (Generalfeldmarschall) - München, Ruhmeshalle - ©GNU 1.2 (Bbb). Herausragender General mit hoher militärischer Begabung. Gegner der französischen Marschälle  Turenne und Condé. Befehligte das kaiserlich-bayerische Heer in der letzten erfolgreichen Phase des Krieges. Büste des Franz Freiherr von Mercy (Generalfeldmarschall) - München, Ruhmeshalle - ©GNU 1.2 (Bbb). Herausragender General mit hoher militärischer Begabung. Gegner der französischen Marschälle Turenne und Condé. Befehligte das kaiserlich-bayerische Heer in der letzten erfolgreichen Phase des Krieges.
Die kaiserlich-bayerische Armee
Als sehr erfolgreicher Militärreformer erwies sich dann Franz Freiherr von Mercy (1597-1645), der als Generalfeldzeugmeister (1638) und Generalfeldmarschall (1643) kaiserlich-kurbayerische Truppen ins Feld führte und diese nach modernsten Grundsätzen neu organisierte. Die Einführung der Bataillonsstruktur sowie taktische Umstellungen bei der Infanterie, Kavallerie und Artillerie erhöhte die Beweglichkeit der Truppen im Gefecht und somit deren Effizienz. Der Wechsel von der von Tilly noch verwendeten spanischen Fechtweise zur niederländischen Elementartaktik benötigte allerdings einen Vorlauf, von 1633-35 erprobte Mercy, in kaiserlichen Diensten stehend, diese noch mit mäßigem Erfolg. Mit seinem 1638 erfolgten Eintritt in kurbayerische Dienste fand dann der besagte Umbau des Heeres seinen Anfang, der Freiherr befand sich nun im permanenten Feldeinsatz (Wolfenbüttel, Göttingen und Schwaben). Erfolge gegen die Schweden in Franken (1640/41) und Siege/Erfolge gegen die Franzosen bei Tuttlingen (1643, Graf Rantzau), Freiburg (1644, Turenne und Condé) und Herbsthausen (1645, Turenne) bestätigten das in ihn gesetzte Vertrauen. Mit Mercy konnten die Bayern noch glänzende Erfolge gegen die Franzosen erzielen, nun allerdings mit einer defensiv ausgerichteten, blutsparenden Gefechtsführung, die vom bayerischen Kurfürsten als Doktrin vorgegeben wurde. Diese bestand kurz und knapp aus zwei Sätzen: 1. Die Armada darf keine vermeidbaren Verluste erleiden! - 2. Der Feind darf jedenfalls nicht nach Bayern hereingelassen werden!
Die Kämpfe zwischen 1638 und 1645 fanden dabei unter ungünstigsten Voraussetzungen statt, die kaiserliche wie auch die kaiserlich-sächsische Armee kassierten schwere Niederlagen und waren nur noch begrenzt einsatzfähig. Auch die bayerische Armee erlitt 1638 schwere Gefechtsschäden und musste wie besagt reorganisiert werden. 1642 war das Kaiserliche Heer mit den Niederlagen auf der Kempener Heide, Schweidnitz und Breitenfeld (II.) dann an einem Endpunkt angelangt, es drohte die militärische Stagnation! Mit dem zeitgleichen Einfall französischer Armeen in Süddeutschland entstand nun eine kritische Situation. Es gab nur noch einen gefechtsfähigen Heeresverband, der sich dieser Flut geordnet entgegenstellen konnte, die kaiserlich-bayerische Armee (20.000 Mann)! Mercy übernahm nun in höchster Not den Oberbefehl, im November 1643 zerschlug er noch im Verbund mit kaiserlich-spanischen Truppen eine erste französisch-weimarische Armee in deren Winterquartier bei Tuttlingen (Graf Rantzau), von den 16.000 Mann konnten sich nur wenige über den Rhein retten (etwa ein Drittel unter Generalmajor v. Rosen, Reiterei und wenig Infanterie). Der von Mercy geplante wichtige Sieg bei Tuttlingen eröffnete dann operative Spielräume, der Vorstoß in den Breisgau und an den Rhein zeichnete sich nun ab. In der mehrtägigen Schlacht bei Freiburg im Breisgau, am 3., 5. und 10. August 1644, verbluteten dann zwei französische Armeen unter TurenneArmée de l´Allemagne - und Condé - Armée de France -, beide jeweils 10.000 Mann stark. Mercy stützte sich hier auf die am 19. Februar 1644 geschlossene Konvention zwischen Kaiser Ferdinand III., König Philipp IV. v. Spanien, Herzog Karl IV. v. Lothringen und dem Kurfürsten Maximilian I. v. Bayern, die den Einsatz der verbündeten Armeen koordinierte und den Operationsbeginn in Süddeutschland auf den 1. Mai 1644 festlegte. Das bayerische Reichskorps sollte als selbständige Südarmee den Breisgau befreien und einen festen Platz am Oberrhein besetzen. Dies war die Aufgabenstellung an Mercy, der nun den Vormarsch bewerkstelligen musste.
Generalfeldmarschall Franz v. Mercy (1597-1645) - Porträt aus dem Nachlass König Ludwigs I. v. Bayern, nach einem alten Original gefertigt. - ©unbekannt Generalfeldmarschall Franz v. Mercy (1597-1645) - Porträt aus dem Nachlass König Ludwigs I. v. Bayern, nach einem alten Original gefertigt. - ©unbekannt
Nach der Schlacht, ist vor der Schlacht
Die Bayern stemmten sich mit aller Kraft gegen den anbrandenden Feind und lieferten den Franzosen ein Gefecht nach dem anderen. Bei Herbsthausen gelang diesen dann 1645 der einzige bekannte Sieg gegen Marschall Turenne in offener Feldschlacht, Mercy hatte sich zwischenzeitlich einen hervorragenden Ruf als innovativer Taktiker erworben und galt als ausgewiesener Meister der Defensive. Für die Franzosen entwickelten sich die Schlachten gegen Mercy zu einer sprudelnden Blutpumpe, der bayerische Befehlshaber konnte sich trotz der vorgegebenen Defensivtaktik erfolgreich behaupten. Generalfeldmarschall Mercy fiel 1645 in der unentschiedenen Schlacht bei Alerheim, seine französischen Gegner, immerhin Marschälle wie ein Gramont, Turenne und Condé, äußerten sich sehr anerkennend über dessen Leistungen. Mercys Wert lässt sich nicht hoch genug einschätzen, sein Verlust stellte für den bayerischen Kurfürsten Maximilian I. einen schweren Schlag dar. Nach dem Tod Mercys verschlechterte sich die Situation deutlich, die bayerischen Truppen waren zusehends abgekämpft, operative Spielräume nicht mehr vorhanden. Frankreich warf nun neu ausgehobene Truppen auf das Schlachtfeld, der Aufbau der französischen Heeresmacht nahm immer konkretere Formen an.
Was zeichnete Mercy nun gegenüber anderen Feldherren seiner Zeit aus? Seine absolute Integrität, seine außergewöhnliche Uneigennützigkeit, sein Pflichtbewusstsein, sein Verhalten im Feld, seine Fähigkeit auch neue Lösungen und Taktiken auf dem Schlachtfeld zu erproben. Franz Freiherr von Mercy stellte eine besondere Personalie dar, er unterschied sich wesentlich von anderen zeitgenössischen Feldherren. Seine Leistungen als Offizier und Truppenführer waren herausragend und erfuhren eine aufrichtige Anerkennung bei Freund und Feind, ein Soldat "par excellence"! Mercy hinterließ so gut wie keine Vermögenswerte, da er sich nicht wie so viele andere seines Standes persönlich bereicherte! Kurfürst Maximilian I. nahm Mercys mittellose Familie unter seine Obhut und ermöglichte dieser eine standesgemäße Lebensführung.
Erstaunlicherweise liegt bis heute keine umfassende Biographie von Mercy vor, während die Feldherren Tilly und Pappenheim schon länger eine Berücksichtigung gefunden haben. Über Mercy schweigt sich die schreibende Zunft elegant aus, von seiner persönlichen Anlage her gesehen weckt dieser hochgeistig befähigte lothringische Freiherr aber durchaus Interesse. Vielleicht findet sich hier noch ein engagierter Historiker, der die losen Fragmente zu einem schlüssigen Ganzen zusammenfügt.
 
Weitere Info:
Adobe  "Tilly, Johann Tserclaes, Graf von", in: Allgemeine Deutsche Biographie (1894) - (Pdf, 185 KB)
Adobe  "Mercy, Franz (II.), Freiherr von", in: Neue Deutsche Biographie (1994) - (Pdf, 70 KB)
Adobe  Google Books:  Tilly im dreißigjährigen Kriege: Bis zur Zeit des Friedensschlusses von Lübeck 1629
        - O. Klopp - 1861 - (Pdf, 21 MB)
Adobe  Google Books:  Kriegsgeschichte von Bayern, Franken, Pfalz und Schwaben: von 1598 bis 1634 ...
        - II. Band Abt. 1 - J. Heilmann - 1868 - (Pdf, 21 MB)
Adobe  Google Books:  Die Feldzüge der Bayern in den Jahren 1643, 1644 und 1645 unter den Befehlen des Feldmarschalls Franz Freiherr von Mercy - J. Heilmann - 1851 - (Pdf, 15 MB)
WEB: Schlacht bei Freiburg im Breisgau 1644 - DDB
Adobe  Schlacht bei Alerheim (1645) - (Pdf, 9,7 MB)
Quelle: Matthäus Merian, 1707, ©gemeinfrei
WEB: Bayerische Staatsbibliothek - OPACplus - Kriegsgeschichte von Bayern, Franken, Pfalz und Schwaben - Gesamtwerk, online über Suchfunktion "Heilmann, 1835-1915, Krieg". Wir empfehlen generell die Nutzung der Bayerischen Staatsbibliothek, dort können die relevanten Werke umfänglich recherchiert und eingesehen werden.
WEB: Herren von Mercy (1606-1863) - Archivalien LA Baden-Württemberg
WEB: Rheinische Volksblätter - Band 2 - 1871; Ein deutsches Heldengeschlecht aus Lothringen
Der Krieg sucht seinen Anfang
Das Spiel der Fürsten in seiner Entstehung
Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz (1596-1632), um 1625 - ©gemeinfrei, HGM Wien. Seine Königswahl löste den 30-jährigen Krieg aus, der mit der Eroberung Böhmens und der Pfalz ein erstes Szenario bildete. In seinen Diensten stand das Söldnerheer des Grafen Peter Ernst II. v. Mansfeld und Herzog Christian v. Braunschweig-Wolfenbüttel. Als Alliierter war noch der Markgraf Georg Friedrich v. Baden-Durlach an den Kämpfen beteiligt. Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz (1596-1632), um 1625 - ©gemeinfrei, HGM Wien. Seine Königswahl löste den 30-jährigen Krieg aus, der mit der Eroberung Böhmens und der Pfalz ein erstes Szenario bildete. In seinen Diensten stand das Söldnerheer des Grafen Peter Ernst II. v. Mansfeld und Herzog Christian v. Braunschweig-Wolfenbüttel. Als Alliierter war noch der Markgraf Georg Friedrich v. Baden-Durlach an den Kämpfen beteiligt.
Böhmisch-Pfälzischer Krieg (1618-1623)
Gefechtsordnung - Der Gevierthaufen (Tercio)
Zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges zogen die Truppen der Katholischen Liga und des Kaiserreiches mit der Tercio-Formation in die Schlacht, die wie schon erwähnt als "katholische" oder "ungarisch-burgundische Ordonnanz" bezeichnet wurde. Das Herzogtum Bayern stieß im Juli 1620 mit 25.000 Mann der Katholischen Liga über Oberösterreich nach Böhmen vor, während Ambrosio Spinola Doria mit weiteren 25.000 Mann aus Flandern heranzog und die Pfalz bedrohte. Zusätzlich rückten von Norden noch kursächsische Truppen unter Graf Wolff v. Mansfeld in Böhmen ein. In der am 8. November 1620 geschlagenen Schlacht am Weißen Berg bei Prag setzten dann beide Parteien die Tercioformation als taktischen Gefechtskörper ein. Die Schlacht beendete bekanntlich das böhmische Abenteuer des pfälzischen Kurfürsten Friedrich V., der neben der böhmischen Krone nun auch seine Würde als Kurfürst verlor und zu seinen oranischen Verwandten in die Niederlande flüchten musste. Graf Tilly und der spanische General Gonzalo Fernández de CórdobaPortrait ] vollendeten dann die Eroberung der Pfalz (1622), die nun rechtsrheinisch von der Liga und linksrheinisch von den Spaniern besetzt wurde [1] [2] [3]. Eine Befreiung der Pfalz durch schwedische Truppen im Feldzug von 1632 währte nur kurz, nach deren Niederlage bei Nördlingen (1634) korrigierten sich die Verhältnisse im Reich wieder. Friedrich V. war zwischenzeitlich verstorben (1632), sein Sarg verschwand spurlos während der Rückführung in die Niederlande. Ein bitteres Ende für diesen einst so mächtigen Reichsfürsten und Schwiegersohn von König Jakob I. von England, Schottland und Irland.
Die Protestantische Union nahm hier bereits keine Rolle mehr ein, der im Ulmer Vertrag fixierte Waffenstillstand von 1620 neutralisierte dieses Bündnis und seine Truppen. 1621 kam es dann zur Auflösung der Union, die im Grunde die in das Bündnis gesetzten Erwartungen nicht erfüllte.
Los Tercios de Flandes en Alemania - La guerra del Palatinado 1620-1623 - ©Hugo A. Cañete - Ediciones Platea Los Tercios de Flandes en Alemania - La guerra del Palatinado 1620-1623 - ©Hugo A. Cañete - Ediciones Platea
[1] Spanische Truppen in der Pfalz (Spätsommer 1621): a) Tercio Gulzin - wallonisch, b) Tercio Balancon - burgundisch, c) Tercio Mexia - spanisch, d) Tercio Campolattaro - italienisch, e) deutsche Regimenter in spanischen Diensten (Service): Ysenburg, Emden, Bauer, zusätzlich noch Kavallerie unter dem Befehl von Francisco (Franz) de Ibarra, 1622 ist noch das Tercio Córdoba nachweisbar. Spanische Operationsbasis in der Pfalz: Befestigung am Steiner Wörth (Hauptquartier). Der unter Córdoba zum Maestre de campo aufgestiegene Ibarra stellt eine hervorstechende und hochinteressante Personalie aus dem Umfeld Erzherzog Leopolds v. Österreich dar. Der sehr erfolgversprechende Offizier fiel bedauerlicherweise in der Schlacht bei Fleurus (1622) an der Spitze seines Tercio stehend. Die Heeresgruppe der Katholischen Liga (Pfalz, Neckarraum) setzte sich anfänglich zusammen aus - Regimenter zu Pferd: Lintelo, Erwitte, Eynatten, Herzelles, Fürstenberg, Pappenheim und die Regimenter zu Fuß: Anholt, Fürstenberg, Truchsess, Schmidt, Florainville, Mortaigne, ein Salzburger Freifähnlein und Artillerie. Das Regiment zu Fuß Fürstenberg wurde vom Oberstlieutenant Graf Jakob Ludwig von Fürstenberg-Heiligenberg kommandiert, Graf Egon von Fürstenberg-Heiligenberg befehligte als Oberst eine Heeresgruppe am Rhein (Februar 1622). An kaiserlichen Truppen stießen noch hinzu (Erzherzog Leopold v. Österreich, Elsass) - Regimenter zu Pferd: Sachsen-Lauenburg, Gaucher, Salm, de Mandre, Maradas, einzelne Freikompanien, das vorderösterreichische Fußvolk mit 7 Regimentern und 8 Freifähnlein und weitere ergänzende Truppen (Tercios: Wateville - burgundisch, Medices und delli Monti - italienisch, u.a.). Die kaiserlichen Truppen zogen teilweise über die alte Heerstraße durch das Kinzigtal und die Ortenau heran. Zu dieser Zeit bestand zwischen den spanisch-habsburgischen und bayerisch-ligistischen Truppen noch ein Gegensatz in Hinsicht auf machtpolitische Abgrenzungen. Beide Seiten tasteten sich noch ab, man war sich noch nicht so grün.
[2] WEB: Los Tercios de Flandes en Alemania - La guerra del Palatinado 1620-1623 - Hugo A. Cañete [3] Google Books - Der Feldzug des Jahres 1622 - Am Oberrhein und in Westfalen bis zur Schlacht von Wimpfen; Karl Freiherr von Reitzenstein;
Documenta Bohemica Bellum Tricennale Illustriantia
Die böhmisch-pfälzische Katastrophe
Der Weiße Berg bei Prag
Schlacht am Weißen Berg - 1620. Bild: Pieter Snayers (1592-1666) - ©gemeinfrei
Schlacht am Weißen Berg - 1620. Bild: Pieter Snayers (1592-1666) - ©gemeinfrei
Die holländischen und spanischen Schlachtenmaler stellten auch Tercioformationen ohne Musketier-Eckbastionen (mangas) in ihren Gemälden dar, die tradierte Terciostruktur wandelte sich anscheinend. Eine Arkebusier-/Musketierhecke wurde nun als ausreichend betrachtet, die Musketier-Eckbastionen gingen in dieser auf. Interessanterweise verwendeten die deutschen Quellen überwiegend noch die tradierte ältere Terciodarstellung. "Wer bildete hier nun eher die Realität ab?" - Der Unterschied zwischen Snayers u.a. und dem Theatrum Europaeum ist augenscheinlich (Schlachtaufstellung), vieles basiert auf reinen Vermutungen und Annahmen, die schriftlichen Quellen überliefern teilweise ungenaue Sachverhalte. Beteiligte Einheiten und Stärken lassen sich vielfach noch nachweisen, taktische Formationen und Gefechtsverläufe schon weniger. Insbesondere die gemischt operierenden Verbände unterschiedlicher Heere, die zudem noch in einer Gefechtsfront miteinander agierten, erforderten taktische Umstellungen oder Abstimmungen, die sich uns nicht ohne weiteres erschließen. Subjektives und situatives Verhalten im Gefecht lässt sich kaum nachvollziehen, schon die Analyse eines historischen Schlachtfeldes in Bezug auf topographische Besonderheiten wie damaliger Bewuchs, Sichtlinien, Anmarschwege, Anlehnen der Flügel an feste Punkte oder Hindernisse, Bezug von geeigneten Feuerstellungen der Artillerie, Bereitstellungsräume, Lageraufbau und Versorgung, zudem noch die Berücksichtigung anzutreffender Wetterbedingungen usw. generiert eine Vielzahl unbekannter Faktoren, die wir heute selten in Deckung zueinander bringen können. All unsere Hoffnungen liegen dann wieder in der Hand der zeitgenössischen Maler, die ein Schlachtfeld aus ihrer Sicht und bestenfalls anhand einer Befragung von Zeitzeugen rekonstruieren mussten. Der seltene Idealfall lag vor, wenn der Maler selbst vor Ort am Geschehen teilgenommen hatte.
 
Adobe  Schlachtaufstellung am Weißen Berg bei Prag (1620) - (Pdf, 280 KB)
Theatrum Europaeum, Band I., Tafel 10 - ©UBA
Truppenfahne des Kurfürstentums Pfalz um 1604 - ©GNU-Licence - Sir Ian Truppenfahne des Kurfürstentums Pfalz um 1604 - ©GNU-Licence - Sir Ian
Süddeutsches Intermezzo
Nach der Schlacht am Weißen Berg verlagerten sich die Kämpfe dann wie schon erwähnt in den süddeutschen Raum. Die Niederlage des Grafen Tilly in der Schlacht bei Mingolsheim gegen den Grafen von Mansfeld (27. April 1622) warf die Katholische Liga zunächst zurück, man zog nun dem badischen Markgrafen Georg Friedrich v. Baden-Durlach entgegen. Auf Grund einer mangelhaften Absprache innerhalb des kurpfälzischen Lagers konnte die Liga am 6. Mai 1622 die isoliert operierenden badischen Truppen in der Schlacht bei Wimpfen entscheidend schlagen. Der auf badischer Seite mit angeworbenen Truppen kämpfende Herzog Magnus v. Württemberg wurde in der Schlacht tödlich verwundet [Bild]. Durch seinen Eintritt in die Kampfhandlungen geriet der Neutralitätsstatus Württembergs in Gefahr, eine politisch durchaus heikle Situation für das Herzogtum. Die spanischen Truppen verharrten hier noch in einer defensiven Abwehrstellung um einen möglichen Angriff des in der Nähe operierenden Mansfelder Heeres begegnen zu können (Bruchsal), beteiligten sich aber mit den Tercios Córdoba und Campo Latiaro (Campolattaro) am Geschehen. Das Schlachtenglück blieb den katholischen Truppen dann erhalten, am 20. Juni 1622 konnte der ebenfalls isoliert operierende Christian v. Halberstadt - Herzog v. Braunschweig-Wolfenbüttel [Lüneburg] - in der Schlacht bei Höchst gestellt und nachhaltig geschlagen werden. In kurzer Zeit gelang es der Katholischen Liga von den drei unabhängig voneinander operierenden kurpfälzischen Heeren zwei entscheidend im Feld zu schlagen. Die Uneinigkeit im kurpfälzischen Lager hatte sich für diese als Glücksfall erwiesen. Für den Grafen v. Mansfeld entwickelte sich der Feldzug nun zum Schlechteren hin, dort geriet man unter Zugzwang. Mit der Entlassung des Mansfelder Heeres aus kurpfälzischen Diensten im Juli 1622 war die Entscheidung dann gefallen, Graf Mansfeld musste sein Heer in Sicherheit bringen. Ein notwendiger Rückzug in die niederländischen Generalstaaten war nun das erklärte Maß aller Dinge...
Graf Peter Ernst II. v. Mansfeld (1580-1626) - Söldnerführer und Kriegsunternehmer. ©Universität Neuchâtel Graf Peter Ernst II. v. Mansfeld (1580-1626) - Söldnerführer und Kriegsunternehmer. ©Universität Neuchâtel
Eine schwierige Personalie
Graf Peter Ernst II. v. Mansfeld - Privater Kriegsunternehmer
Es fällt schwer zu dieser Person keine voreingenommene Meinung zu entwickeln, letztlich kann Mansfeld als skrupelloser Anführer marodierender Söldnertruppen verortet werden. In der Dienststellung eines Obristen der Protestantischen Union betrat Mansfeld im Vorfeld des Böhmisch-Pfälzischen Krieges (1618-1623) das sich schon abzeichnende Kriegstheater. Die auf eine Eskalation mit dem Kaiser hinauslaufende Politik mehrerer protestantischer Fürsten wurde von diesem maßgeblich unterstützt. Zuerst auf dem böhmischen und niederösterreichischen Kriegsschauplatz im Sold des Herzogs Karl Emanuel I. von Savoyen tätig, verlagerte Mansfeld seine Aktivitäten im Dienst des Pfalzgrafen und Kurfürsten Friedrich V. in die Oberpfalz und an den Rhein, sein Söldnerheer stand dann 1621/22 im Elsass. Im näheren Umfeld dieser Truppen kam es zu schweren Verheerungen der Landschaften, der Unterhalt des Mansfelder Heeres finanzierte sich auch über eingetriebene Kriegsbeute. Mansfelds Kriegsführung beeinflusste durchaus das weitere Verhalten der ligistisch-kaiserlichen Truppen im Feld (Verrohung). Nach wechselnden Erfolgen wurde Mansfeld mit seinen Truppen im Juli 1622 von Friedrich V. entlassen, er schlug sich dann zusammen mit Herzog Christian v. Braunschweig-Wolfenbüttel in die Niederlande durch. Bis 1624 besetzte er die Grafschaft Ostfriesland, war dann aber gezwungen seine Truppen aufzulösen. In Ostfriesland herrschten unter Mansfeld katastrophale Zustände, es kam hier zu einer brutalen Dezimierung der einheimischen Bevölkerung! Verhandlungen über anschließende Subsidienverträge führten ihn nach England, Frankreich und Dänemark, mit neu geworbenen Truppen und in dänischen Diensten stehend erschien er dann wieder in Norddeutschland. Vom kaiserlichen Feldherren Wallenstein bei Dessau geschlagen (April 1626) und bis nach Böhmen und Ungarn verfolgt, beendete er im Herbst 1626 seinen Feldzug. Am 29./30. November 1626 verstarb Mansfeld in Bosnien, für viele ein kleiner Lichtblick in diesen düsteren Zeiten.
Herzog Christian d. J. v. Braunschweig-Wolfenbüttel und Lüneburg (1599-1626), Bischof-Administrator v. Halberstadt.
Reiterführer, Feldherr und Kriegsunternehmer im 30-jährigen Krieg. Eine Personalie mit seltsamen charakterlichen Ausblühungen und Handlungen, getrieben von einer tiefen Abneigung gegenüber Reich und Kaiser.
In der deutschen Geschichtsschreibung treten unterschiedliche Darstellungen zu Tage, die einer genaueren Differenzierung bedürfen. Es werden hier durchaus unterschiedliche Meinungen zu diesem Herzog und dem Grafen v. Mansfeld ins Feld geführt. Gemälde: Jan Anthonisz van Ravesteyn, 1620 - ©gemeinfrei Herzog Christian d. J. v. Braunschweig-Wolfenbüttel und Lüneburg (1599-1626), Bischof-Administrator v. Halberstadt. Reiterführer, Feldherr und Kriegsunternehmer im 30-jährigen Krieg. Eine Personalie mit seltsamen charakterlichen Ausblühungen und Handlungen, getrieben von einer tiefen Abneigung gegenüber Reich und Kaiser. In der deutschen Geschichtsschreibung treten unterschiedliche Darstellungen zu Tage, die einer genaueren Differenzierung bedürfen. Es werden hier durchaus unterschiedliche Meinungen zu diesem Herzog und dem Grafen v. Mansfeld ins Feld geführt. Gemälde: Jan Anthonisz van Ravesteyn, 1620 - ©gemeinfrei
Böhmisch-Pfälzisches Söldnerheer
Schlacht bei Fleurus in Belgien - 29. Aug. 1622.
Durchbruch des Grafen v. Mansfeld und Herzog Christian v. Braunschweig-Wolfenbüttel in die Niederlande nach der Entlassung aus kurpfälzischen Diensten. Mansfeld errang bei Fleurus einen operativen Erfolg über den spanischen Feldherren Gonzalo Fernández de Córdoba, der zusammen mit Graf Tilly und der Liga zuvor noch den lutherischen Markgrafen Georg Friedrich v. Baden-Durlach in der Schlacht bei Wimpfen und den Halberstädter in der Schlacht bei Höchst geschlagen hatte. Es bildeten sich hier allerdings unterschiedliche Auffassungen über den militärischen Ausgang bei Fleurus aus. Die Spanier reklamierten hier auf Basis der Mansfeld zugefügten Verluste einen Sieg, während der Graf sein operatives Ziel eines Durchbruchs in die Niederlande erfolgreich umsetzen konnte. Beide Seiten kommunizierten gegensätzliche Verlustzahlen und wiesen die Niederlage dem jeweiligen Gegner zu. Letztlich bleibt nur eine subjektive Ergebnisbetrachtung übrig!
 
1623 wurde Herzog Christian v. Braunschweig-Wolfenbüttel in der Schlacht bei Stadtlohn [1] [2] vom Grafen Tilly und der Katholischen Liga vernichtend geschlagen, 1626 kassierte Graf Mansfeld in der Schlacht bei Dessau gegen Wallenstein eine Niederlage. Dessau war der erste militärische Erfolg Wallensteins in kaiserlich-habsburgischen Diensten. Der "Halberstädter" wie auch der "Mansfelder" verstarben 1626 auf natürliche Weise, der Tod gewährte der ligistisch-kaiserlichen Partei eine kleine Entlastung.
[1] Bei Stadtlohn kämpfte der Feldzeugmeister Graf Jakob Ludwig v. Fürstenberg (1592-1665, Wartenberger Linie) mit Auszeichnung, er brachte dort 16 Fähnlein, fünf Cornetten (Fähnriche), fünf Geschütze und 75 vornehme Offiziere des Feindes in seine Gewalt. Ein kaiserliches Dankschreiben und Privileg (Wappenmehrung, Diplom vom 17. Februar 1624) honorierte seinen dortigen Einsatz. [Wappenmehrung, Pdf - 200 KB]
[2] Die Schlacht bei Stadtlohn gewinnt insofern an Wert, da sich hier kurzzeitig die Möglichkeit eines strategischen Erfolges für die Liga eröffnete. Der bayerische Kurfürst zeigte völlig überraschend eine Bereitschaft zur Verletzung der holländischen Neutralität. Er instruierte Tilly dahingehend, den Grafen Mansfeld und seine Truppen nun überall zu bekämpfen. Zur Not auch im Gebiet der niederländischen Generalstaaten. Allein der Mut fehlte, den Krieg endlich in das Land zu tragen, das diesen maßgeblich gegen das Reich beförderte. Eine verpasste Gelegenheit...
Weitere Info:
WEB: Batalla de Fleurus (sp.) / Schlacht bei Fleurus (dt.).
Gemälde: Schlacht bei Fleurus - Vicente Carducho (1578-1638);
Prado Museum Madrid - (Jpeg, 270 KB) - ©gemeinfrei
Hinweis: Die Zusammensetzung der spanischen Tercios differierte auch in dieser Schlacht, diese umfassten 14-16 Kompanien. Auch hier sind die spanischen Quellen etwas auskunftsfreudiger!
Gemäldeauszug: Schlacht bei Fleurus in Belgien am 29. Aug. 1622; von Vicente Carducho (1578-1638); Prado Museum Madrid - ©gemeinfrei
Gemäldeauszug: Schlacht bei Fleurus in Belgien am 29. Aug. 1622; von Vicente Carducho (1578-1638); Prado Museum Madrid - ©gemeinfrei
Tercio bei Fleurus 1622 - Gemäldeauszug ©gemeinfrei Tercio bei Fleurus 1622 - Gemäldeauszug ©gemeinfrei
Fortsetzung der Kämpfe
Nachfolgende Kampfhandlungen weiteten sich dann bis nach Norddeutschland aus (Haager Allianz, König Christian IV. von Dänemark). 1626 wurden die Dänen in der Schlacht bei Lutter von Graf Tilly entscheidend geschlagen, der Lübecker Frieden von 1629 beendete diesen Konflikt. Mit dem 1630 erfolgten Einfall des schwedischen Heeres in Deutschland kam es dann zum finalen Kräftemessen zwischen der traditionellen ligistisch-kaiserlichen Heeresordnung und dem reformierten niederländisch-schwedischen Heerwesen. Die deutschen Tercios traten nun gegen die linear ausgebildeten Formationen der Schweden an (Brigadestruktur).
Johann Georg I. von Wettin (1585-1656), Kurfürst von Sachsen und Erzmarschall des Heiligen Römischen Reiches. Agierte im 30-jährigen Krieg durchaus unglücklich, seine unstete Bündnispolitik isolierte Kursachsen. Bild: Cornelis Danckaerts (1642) - ©gemeinfrei Johann Georg I. von Wettin (1585-1656), Kurfürst von Sachsen und Erzmarschall des Heiligen Römischen Reiches. Agierte im 30-jährigen Krieg durchaus unglücklich, seine unstete Bündnispolitik isolierte Kursachsen. Bild: Cornelis Danckaerts (1642) - ©gemeinfrei
Kurfürstentum Sachsen
Der lutherische Kurfürst Johann Georg I. geriet zusehends in die politischen Mühlen der kriegführenden Mächte. An der Seite der ligistisch-kaiserlichen Truppen am Krieg gegen den calvinistischen Pfälzer Friedrich V. beteiligt, schloss sich dieser nach einem längeren Entscheidungsprozess der schwedischen Partei an (Bündnis von Coswig/Anhalt, 1631). Der Tod des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf in der Schlacht bei Lützen (1632) und die verlorene Schlacht bei Nördlingen (1634) veränderten dann die politischen Machtverhältnisse zu Gunsten des Reiches. In seinem Denken eher dem Reichsverband wie der Konfession verpflichtet, näherte sich der sächsische Kurfürst dann im Frieden von Prag wieder der kaiserlichen Position an (1635). Sein Bündniswechsel führte in direkter Folge zu schweren Verheerungen der sächsischen Landschaften durch nun einfallende schwedische Truppen. Mit dem Abschluss des Waffenstillstands von Kötzschenbroda (1645) konnte diese Gefahr dann gebannt werden. Von den führenden Kriegsparteien in politischen Belangen hingehalten, fällt das Resümee des kursächsischen Engagements durchaus bescheiden aus. Kursachsen verlor an Bedeutung und schied aus dem führenden Kreis der Mächte aus, der Kurfürst von Brandenburg stieg gleichzeitig als potentieller Gegner der Schweden zur regionalen Größe auf. Der Krieg zahlte sich letztlich für viele Beteiligte nicht aus, die erlittenen Verluste überwogen bei weitem die Zugewinne. Ein schlagendes Indiz dafür, dass der Krieg immer seinen eigenen Gesetzen folgt.
Die Schweden kommen!
Eine neue Spielart der Kriegsführung und des Terrors
Standpunkt
Die mit dem Königreich Schweden verbündeten protestantischen Reichsstände (Bündnis von Coswig/Anhalt, Heilbronner Bund) befanden sich de jure im Status des Hochverrats und der Lehnsuntreue (Felonie) gegenüber Reich, König und Kaiser. Dieser Umstand legitimierte alle kriegerischen Maßnahmen der kaiserlichen Partei zur Aufrechterhaltung des Reichsverbandes und der Reichsgewalt. Die kaiserlichen Strafmaßnahmen fielen entsprechend hart aus.
Gründung der Katholischen Liga durch Herzog Maximilian I. v. Bayern, als Defensivbündnis zur Verteidigung des Landfriedens - 1609. Bild: Carl Theodor v. Piloty - ©gemeinfrei. Mit der Erneuerung der Katholischen Liga 1619 erfolgte zeitgleich die Aufstellung einer 25.000 Mann starken Armee (21.000 Mann Fußvolk, 4.000 Reiter), finanziert durch die katholischen Reichsstände in Süddeutschland, maßgeblich dem Herzogtum Bayern, geistliche Kurfürstentümer (Köln, Trier, Mainz) und päpstliche Subsidien (Papst Paul V.). 1620 standen dann 26.000 Mann zu Fuß und 5.500 Mann zu Pferd bereit. Die ligistische Armee agierte bis zur Schlacht von Breitenfeld dann sehr erfolgreich, trat aber mit dem 1626 einsetzenden Aufbau starker kaiserlicher Truppen etwas in den Hintergrund (Wallenstein). Das zum Kurfürstentum erhobene Bayern (seit 1623) finanzierte dann maßgeblich die ligistischen Truppen bis zur Auflösung der Katholischen Liga (1635), danach einen unterstellten Teil der neuen Reichsarmee als exemtes Korps. Zu Gliederung und Einsatz des bayerischen Heeres im 30-jährigen Krieg siehe noch immer - Weber, Franz: Um Glauben und Reich. Kurfürst Maximilian I. (1980) - Glaser, Hubert (Hrsg.). Die Grafen v. Fürstenberg-Heiligenberg, Jakob Ludwig (+1627) und Egon VIII. (+1635), nahmen in der ligistisch-kaiserlichen Armee höhere Befehlshaberstellen ein (Feldzeugmeister und Generalfeldzeugmeister, u.a.), Graf Friedrich Rudolf v. Fürstenberg diente der Liga als Generalfeldwachtmeister und zuletzt als kaiserlicher Obristfeldzeugmeister (Mitglied des Wiener Hofkriegsrates). Die Fürstenberger zerfielen bald darauf in eine habsburgische und französische Fraktion. Gründung der Katholischen Liga durch Herzog Maximilian I. v. Bayern, als Defensivbündnis zur Verteidigung des Landfriedens - 1609. Bild: Carl Theodor v. Piloty - ©gemeinfrei. Mit der Erneuerung der Katholischen Liga 1619 erfolgte zeitgleich die Aufstellung einer 25.000 Mann starken Armee (21.000 Mann Fußvolk, 4.000 Reiter), finanziert durch die katholischen Reichsstände in Süddeutschland, maßgeblich dem Herzogtum Bayern, geistliche Kurfürstentümer (Köln, Trier, Mainz) und päpstliche Subsidien (Papst Paul V.). 1620 standen dann 26.000 Mann zu Fuß und 5.500 Mann zu Pferd bereit. Die ligistische Armee agierte bis zur Schlacht von Breitenfeld dann sehr erfolgreich, trat aber mit dem 1626 einsetzenden Aufbau starker kaiserlicher Truppen etwas in den Hintergrund (Wallenstein). Das zum Kurfürstentum erhobene Bayern (seit 1623) finanzierte dann maßgeblich die ligistischen Truppen bis zur Auflösung der Katholischen Liga (1635), danach einen unterstellten Teil der neuen Reichsarmee als exemtes Korps. Zu Gliederung und Einsatz des bayerischen Heeres im 30-jährigen Krieg siehe noch immer - Weber, Franz: Um Glauben und Reich. Kurfürst Maximilian I. (1980) - Glaser, Hubert (Hrsg.). Die Grafen v. Fürstenberg-Heiligenberg, Jakob Ludwig (+1627) und Egon VIII. (+1635), nahmen in der ligistisch-kaiserlichen Armee höhere Befehlshaberstellen ein (Feldzeugmeister und Generalfeldzeugmeister, u.a.), Graf Friedrich Rudolf v. Fürstenberg diente der Liga als Generalfeldwachtmeister und zuletzt als kaiserlicher Obristfeldzeugmeister (Mitglied des Wiener Hofkriegsrates). Die Fürstenberger zerfielen bald darauf in eine habsburgische und französische Fraktion.
Die Schlacht von Breitenfeld (1631)
Am 17. September 1631 kam es zur ersten größeren Auseinandersetzung zwischen dem nach modernsten kriegstechnischen Grundsätzen reformierten schwedischen Heer und der ligistisch-kaiserlichen Armee. Das Schwedische Heer operierte auf Basis der "schwedischen Ordonnanz", die ligistisch-kaiserliche Armee nach der bis dahin bewährten "ungarisch-burgundischen Ordonnanz". Die katholischen Truppen konnten bis zu diesem Zeitpunkt auf siegreiche Feldzüge zurückblicken, der Oberkommandierende Johann T´ Serclaes Graf v. Tilly galt als erfahrener Feldherr und Sieger in zahlreichen Schlachten (Vertreter der Spanischen Schule, Praktiker mit dem Zug zur Entscheidung) [1]. Im Verlauf der sich nun entwickelnden Schlacht manövrierte das Schwedische Heer, unter dem persönlichen Kommando von König Gustav II. Adolf, die katholische Schlachtordnung regulär aus, die im Schnellfeuer der schwedischen Musketiere und Geschütze zusammenbrechenden katholischen Angriffe wurden zurückgeworfen. Als verhängnisvoll erwies sich der Ausfall der katholischen Reiterei, eine nachfolgende Umschließung und Zerschlagung der ligistisch-kaiserlichen Truppen nahm dann vernichtende Züge an. Der vom Grafen Egon v. Fürstenberg-Heiligenberg befehligte rechte Flügel ging ebenfalls unter. Zeitgenössische Militärhistoriker führten diese Niederlage darauf zurück, dass Tilly sein gesamtes Heer in einer einzigen, rechtwinkligen Front ohne Reserven geordnet hatte, also nur in einem Treffen stand [2]. Welche taktischen Gründe hierfür vorlagen lässt sich nur erahnen, die oranisch-protestantische Gefechtsführung war dem Grafen aber aus früheren Schlachten durchaus bekannt. Möglicherweise drohte hier eine Überflügelung, die spanische Brigadeformation (1-2-1) dürfte zu Gunsten einer verbreiterten Gefechtsfront aufgegeben worden sein. Die Verwundung und der zeitweilige Ausfall des Grafen Tilly auf dem Schlachtfeld trug hier dann sicherlich zur Verunsicherung bei. Im Grunde operierte Tilly hier sehr überlegt, die negative Darstellung seiner gewählten Taktik zerfällt bei genauerer Betrachtung doch in unterschiedliche Bewertungsszenarien. Anlage und Durchführung des katholischen Angriffs sind klar erkennbar (rechter Flügel unter Fürstenberg), was zum Sieg fehlte war die fehlende Schnelligkeit und Präzision der ligistisch-kaiserlichen Armee. Es zeigt sich auch hier, das eine abgelöste und freie Analyse zu unterschiedlichen Auffassungen führen kann. Überlieferte Formation (Gevierthaufen): vier Tercios mit bekannter Kombination von Pikenieren und Arkebusieren / Musketieren; Breite 50, Tiefe 30 Mann - Gesamtstärke: 32.000 Mann Infanterie und Kavallerie, 26 Geschütze - Bildquelle: Theatrum Europaeum - ohne Gewähr! [3]
 
Interessanterweise lässt sich der Schlachtverlauf mit einem früheren Ereignis annähernd in Verbindung bringen. Die im Jahr 1600 stattgefundene Schlacht bei Nieuport zwischen Erzherzog Albrecht v. Österreich und Moritz v. Oranien weist einige Parallelen zu Breitenfeld auf. Bei Nieuport kämpfte eine spanische Brigade mit vier Tercios gegen die Niederländer, die mit einer Schlachtordnung in zwei Treffen und einer Nachhut angetreten waren. Das beständige Heranführen neuer niederländischer Gefechtslinien, sowie flankierende Reiterangriffe, zermürbte die spanischen Formationen, die zudem von der eigenen Reiterei nicht mehr geschützt werden konnten. Ermattet mussten die Spanier das Schlachtfeld räumen, die oranische Schlachtordnung in mehreren Treffen siegte über das spanische Berufsheer und seine Tercios. Bei Nieuport wurde das Muster einer spanischen Brigadeaufstellung nach [Rüstow] exemplarisch eingesetzt.
Weitere Info:
Adobe  Schlacht bei Breitenfeld-Leipzig (1631) - (Pdf, 2,4 MB)
Theatrum Europaeum, Band 2., 1646, Tafel 17 - ©UBA
[1] Im Januar 1631 ergaben sich bei den ligistischen Truppen katastrophale Versorgungsengpässe, es fehlte an allen Ecken und Kanten. Tilly geriet hier in eine bedrohliche Situation, zumal eine gefährliche Dislozierung der Streitkräfte stattgefunden hatte. Die Masse des Ligaheeres stand in Norddeutschland, die kaiserlichen Streitkräfte in Pommern, der Neumark und Mecklenburg, die zudem noch viele Einheiten nach Norditalien abgegeben hatten. Die Schweden operierten hier im Verbund mit sächsischen und hessischen Truppen sehr geschickt und wichen Tilly gezielt aus, der nun selbst reagieren musste und zu dem Mittel der Diversion griff. Der Einmarsch Tillys in Sachsen ebnete dann den Weg in die Schlacht bei Breitenfeld, mit dem bekannten Ergebnis.
[2] Opitz verweist abweichend auf das Muster einer spanischen Brigade nach Rüstow, also einer 1-2-1 Anordnung der Tercios. Rüstow selbst operiert mit einer doppelten spanischen Brigade (Division) zu 7 Tercios im Zentrum, sowie auf den Flügeln nochmals 3 und 4 Tercios in einem Treffen.
[3] Die schriftlichen Quellen verweisen auf vier Terciogruppen zu je drei Tercios im Zentrum, die sich auf eine Frontlänge von vier Kilometern entwickelten. An den Flügeln stand die Masse der 11.000 Reiter, im Zentrum die Artillerie vor der Front, die Reiterreserve hinter der Infanterie. Der schwedische König Gustav Adolf verfügte über zwei Armeen mit einer deutlichen numerischen Überlegenheit (Schweden, Sachsen) - Gesamtstärke: 40.000 Mann Infanterie und Kavallerie, 64 Geschütze. Die schwedische Armee umfasste bei Breitenfeld erstaunlicherweise nur 5.000 Nationalschweden, verstärkt durch 14.000 Deutsche und 3.500 Schotten, die sächsische Armee umfasste ca. 17.000 Mann.
Fahne der Katholischen Liga  - die ligistischen Truppenfahnen führten unterschiedliche Geometrieformen, wie auch wechselnde Monogramme (IHS, MAR), auf dem Fahnenblatt auf (Avers-/Reversseite). Mit der Übernahme der ligistischen Truppen in die neugebildete, vergrößerte Reichsarmee am 9.10.1635 setzte die Katholische Liga de facto ihren Kampf fort, nun aber als exemtes Korps unter dem Kommando des bayerischen Kurfürsten und offiziellen Oberbefehl des Kaisers. Im Grunde wenig Neues, nur ein Wechsel des Gewandes. Bild: ©gemeinfrei Fahne der Katholischen Liga - die ligistischen Truppenfahnen führten unterschiedliche Geometrieformen, wie auch wechselnde Monogramme (IHS, MAR), auf dem Fahnenblatt auf (Avers-/Reversseite). Mit der Übernahme der ligistischen Truppen in die neugebildete, vergrößerte Reichsarmee am 9.10.1635 setzte die Katholische Liga de facto ihren Kampf fort, nun aber als exemtes Korps unter dem Kommando des bayerischen Kurfürsten und offiziellen Oberbefehl des Kaisers. Im Grunde wenig Neues, nur ein Wechsel des Gewandes. Bild: ©gemeinfrei
Folgen der Schlacht von Breitenfeld
Aus kriegsgeschichtlicher Sichtweise betrachtet lieferten die Schweden bei Breitenfeld ein glänzendes Gefecht der verbundenen Waffen ab. Mittels einer überlegenen Feuerkraft der Infanterie und Artillerie, sowie einer flexibleren Gefechtsführung, wurde der Gegner taktisch überfordert und klassisch ausmanövriert. Auch konnte sich die schwedische Kavallerie entscheidend entfalten! Für das ligistisch-kaiserliche Heer trat nun eine neue Situation ein, die tradierte katholische Gefechtstaktik war zusammengebrochen, es mussten neue Wege gefunden werden. Im März 1632 besiegte Graf Tilly in der Schlacht bei Bamberg erstmals schwedische Abteilungen unter dem Befehl des Grafen Horn [ Portrait ], in der Schlacht bei Rain am Lech vom 14./15. April nutzte er dann alle gebotenen Möglichkeiten der Defensive um das zahlenmäßig unterlegene bayerische Heer [1] nicht zu verlieren. Für ihn selbst war jedoch alles umsonst, eine Kanonenkugel zertrümmerte seinen rechten Oberschenkel, er verstarb wenige Tage nach der Schlacht in Ingolstadt. Am 31. August stellte sich dann Wallenstein mit dem ligistisch-kaiserlichen Heer bei Nürnberg den Schweden entgegen und rang diesen ein Unentschieden ab. Bereits im November kämpfte das kaiserlich-wallensteinsche Heer in der Schlacht bei Lützen erneut gegen den schwedischen Gegner und erreichte hier eher eine Pattsituation, als das es eine klassische Niederlage erlitt. Eine taktische Umgliederung der kaiserlichen Truppen zeigte bereits Wirkung, die massiven Gevierthaufen (Tercios) von Breitenfeld waren nahezu verschwunden. Die kaiserlichen Truppenformationen standen zudem nur noch 10 Glieder tief und linear breiter gestaffelt. In den Zwischenräumen waren nun Reiterabteilungen eingestellt, gleichzeitig wurden die beiden Flügel mit Musketieren und Reitern verstärkt. Die kaiserliche Schlacht- und Gefechtsordnung war nun flexibler gegliedert und konnte den gegnerischen Bewegungen in mehreren Treffen auch besser folgen.
[1] Das geschwächte bayerische Heer musste mit dem Landesauszug, den sogenannten Landfahnen, aufgefüllt werden, es entstand eine kritische Situation.
Ehrenberg - Geschichte und Geschichten - ©Museumsverein des Bezirkes Reutte (Tirol) Ehrenberg - Geschichte und Geschichten - ©Museumsverein des Bezirkes Reutte (Tirol)
Das Tor nach Tirol
Der 1632 erfolgte Einbruch schwedischer Truppen bis nach Füssen nötigte nun auch die österreichische Landesherrschaft zu verstärkten Verteidigungsmaßnahmen an der Nordgrenze Tirols (Ehzg. Leopold V. v. Österreich-Tirol, Ehzgn. Claudia de Medici). Diese hatte bereits die beiden Innsbrucker Baumeister und Brüder Christoph und Elias Gumpp mit der Modernisierung des territorialen Schutzgürtels im Norden Tirols beauftragt und somit wichtige Schritte zur Erneuerung und Verstärkung der Befestigungsanlagen eingeleitet. Die beiden Brüder waren bestens mit dem oberitalienischen Festungsbau und der Niederländischen Manier vertraut und wandten deren Befestigungsgrundsätze nun abgewandelt für den Gebirgseinsatz an. In Folge entstanden hier zahlreiche kleinere, dem Gelände angepasste, Sperr- und Verteidigungswerke, die dem Konzept einer dezentralen Regionalverteidigung mehr oder weniger folgten. Als sehr interessant erweisen sich hierbei die Baumaßnahmen im Bezirk Ehrenberg/Reutte am Fernpass, die bereits schon unter Erzherzog Maximilian III., der Deutschmeister, Landesregent von Tirol, einen Aufschwung erfahren haben und den Planungen der Brüder Gumpp voran gingen. Dieser erfahrene Militär und Deutschmeister betrieb von 1602 bis 1618 einen systematischen Ausbau aller bestehenden Festungsanlagen in Tirol und hatte somit die Grundlage für die Landesverteidigung im kommenden Dreißigjährigen Krieg gelegt. Der Ehrenberg nahm in der Geschichte des Reiches eine interessante Rolle ein, zahlreiche kriegerische Ereignisse haben dort stattgefunden und teilweise auch verheerende Spuren hinterlassen. [Link: Burgenwelt Ehrenberg]. Ergänzend kann noch auf die Festung Kufstein verwiesen werden, die als mittelalterliche Anlage gleichfalls fortifikatorische Erweiterungen erfahren hat und in einem nahezu originalen Zustand noch besichtigt werden kann! [Link: Festung Kufstein] [Interner Link: Die Familie Gumpp in Bräunlingen auf der Baar]
Spanischer Offizier zu Pferd (Wallonien, Flandern) - 30-jähriger Krieg. Realistische Darstellung eines Offiziers dieser Zeit. Bild: Augusto Ferrer-Dalmau - ©CC BY-SA 3.0. Link: http://commons.wikimedia.org/ wiki/File%3ACaballeria_ alcantara_valona2rec.jpg Spanischer Offizier zu Pferd (Wallonien, Flandern) - 30-jähriger Krieg. Realistische Darstellung eines Offiziers dieser Zeit. Bild: Augusto Ferrer-Dalmau - ©CC BY-SA 3.0. Link: http://commons.wikimedia.org/ wiki/File%3ACaballeria_ alcantara_valona2rec.jpg
Wendepunkt bei Nördlingen
In der am 6. September 1634 stattgefundenen Schlacht bei Nördlingen konnte die schwedische Vorherrschaft in Deutschland dann gebrochen werden, die Schweden zogen sich präventiv in den norddeutschen Raum zurück. Der hart umkämpfte Sieg durch kaiserlich-habsburgische und spanische Truppen mündete dann in Verhandlungen mit dem protestantischen Lager. Der Abschluss des Prager Friedens von 1635 beendete zumindest die Kampfhandlungen zwischen dem Kaiser, der verbündeten Katholischen Liga, und den protestantischen Reichsständen im schwedischen Lager (Heilbronner Bund, 1633). Konfessionell bedingte Kriegsgründe waren nun aus dem Weg geräumt, ab diesem Zeitpunkt dominierte dann nur noch die reine Machtpolitik. Nach der Auflösung der Katholischen Liga (1635, Prager Frieden) wurden die freigesetzten ligistischen Regimenter als exemtes Korps in die kaiserliche Armee integriert. Das bisherige Ligaheer umfasste als geschlossenes Korps den vierten Teil der neuen Reichsarmee und wurde dem Kommando des Kurfürsten v. Bayern unterstellt, der diese Truppen auch finanzierte und wie eine bayerische Armee im Feld führen ließ. Während der kaiserliche Teil der Reichsarmee gegen die Schweden kämpfte, zog das kurbayerische Korps gegen den neuen Gegner Frankreich zu Feld. Es begann nun das blutige Ringen in Süddeutschland, der Schwedisch-Französische Krieg (1635-48) bildete das abschließende Finale des Dreißigjährigen Krieges.

Adobe  Schlacht bei Nördlingen (1634) - (Pdf, 7 MB)
Theatri Europaei Continuatio III., 1670, Tafel 14, M. Merian mit Ergänzungen - ©gemeinfrei
Ehre und Ruhm
- Die Eitelkeit als Triebfeder der Geschichtsschreibung -
Für die katholische Partei stellte die Schlacht bei Nördlingen sicherlich einen Wendepunkt dar, dieser Sieg kann im Kontext der damaligen Verhältnisse nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ein Hauch von Hoffnung durcheilte die katholische Welt, die Schweden zogen sich vorerst aus Süddeutschland zurück. In der zeitgenössischen Beurteilung dieses blutigen Erfolges durch die Sieger und deren Schlachtberichte vermischt sich allerdings Wahrheit mit Unwahrheit. Die Schlussphase dieser Schlacht, das Finale des Sieges, erfuhr mehrere Auslegungen, die beteiligten Mächte beanspruchten die Krone des Sieges durch Herausstellen der eigenen Leistungen. Nachdem die ersten Nachrichten über die spanisch-habsburgischen Siegesdarstellungen am bayerischen Hof einliefen, führten diese zu einer deutlichen Verstimmung des bayerischen Kurfürsten, Maximilian I. erreichte einen persönlichen Siedepunkt! Nach einer Rücksprache mit seinem Generalfeldzeugmeister Otto Heinrich Fugger, wurden bayerische Gegenmaßnahmen ergriffen, um das "schiefe, falsche, ungerechte, gar herabsetzende Bild" vom Zusammenkommen des Sieges in der Öffentlichkeit zu berichtigen. In diesem Punkt kann man durchaus die bayerische Seite verstehen, immerhin erzielte der rechte Flügel in der Schlacht den Sieg, dort kommandierte der Herzog von Lothringen die bayerische Armee, also nicht nur einen ligistisch-bayerischen Kleinhaufen! In Folge ergaben sich vier Darstellungen, die verkürzt wie folgt ausfielen: Die Spanier und Kaiserlichen ließen die Katholische Liga und deren Rolle nahezu unter den Tisch fallen, der Sieg wurde von diesen vereinnahmt! Die Bayern druckten nun eine Gegendarstellung, die Flugschrift "Gründtliche Relation und Erzehlung", diese fand nachfolgend sogar in Rom eine Verbreitung. Eine eigene Darstellung des in bayerischer Haft sitzenden schwedischen Oberbefehlshabers Gustav Graf Horn bestätigte allerdings die bayerische Schilderung, wies aber wiederum die Schuldfrage der Nördlinger Niederlage dem Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar zu. Horns Darstellung wurde wiederum vom Hofkaplan des Herzogs von Lothringen bestätigt. In Summe ergab sich hier nun der gefährliche Bodensatz eines Streits um die Ehre und den Ruhm, der eingeschlagene Keil des Misstrauens verbreiterte hier durchaus den Spalt zwischen Habsburg und Bayern. Dynastische Rivalitäten initiierten dann zumeist auch politische Handlungen, der bayerische Kurfürst hatte ein gutes Gedächtnis...
 
Verweis:
Göran Rystad; Die Schweden in Bayern während des Dreißigjährigen Krieges; in: Um Glauben und Reich Kurfürst Maximilian I. - Hrsg. Hubert Glaser
Nachwirkung
Eine direkte Folge des kaiserlich-spanischen Sieges bei Nördlingen war die dauerhafte Besetzung des Herzogtums Württemberg bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges (1648). Als "kämpfendes" Mitglied des Heilbronner Bundes hatte sich der Herzog v. Württemberg selbst zum Reichsfeind erklärt und musste nachfolgend ins Exil nach Straßburg flüchten (Herzog Eberhard III., Herzog Julius Friedrich). Die Württemberger praktizierten im Verbund mit schwedischen Truppen seit 1631 eine restriktive Kriegsführung und entwickelten sich zu einer Landplage (15.000 Mann). Deren Kriegszüge hinterließen in den süddeutschen katholischen Gebieten deutliche Spuren. Es wurde dann später "Gleiches mit Gleichem vergolten", das Herzogtum erfuhr eine harte Behandlung. Württemberg vertrat seit der Reformation eine etwas sonderliche Position innerhalb des Reichsverbandes, die habsburgischen Herrscher reagierten hier zeitweise sehr harsch und ließen dem Herzogtum eine angepasste Sonderbehandlung zukommen. Eine Erfahrung, die auch noch anderen Reichsständen zuteil wurde. In diesem Punkt waren die Habsburger durchaus nachtragend, man nutzte dann entsprechende Gelegenheiten...
 
Regionale Geschichte:
Dreißigjähriger Krieg - Württemberg, die Schweden und Franzosen.
Eine kriegerische Koalition und deren regionale Aktivitäten aus Sicht der Stadt Villingen.
WEB: Kurzgeschichte der Stadt Villingen
Kaplan Meinrad Grüninger - Digitale Veröffentlichungen - Stadt Villingen-Schwenningen - [ Pdf, 550 KB ] - 6. Buch, von Anno 1620 bis 1700, Villingen unter den Erzherzögen von Österreich, §11 ff.
Führende Militärs nach Tilly und Wallenstein (Auswahl und Ergänzung)
  • Katholische Liga bis 1635 / danach Kurfürstentum Bayern (Reichsarmee)
Adobe  "Mercy, Franz (II.), Freiherr von", in: Neue Deutsche Biographie (1994) - (Pdf, 70 KB)
Adobe  "Geleen, Gottfried Huyn, Graf von", in: Allgemeine Deutsche Biographie (1878) - (Pdf, 41 KB)
Adobe  "Gronsfeld, Jost Maximilian, Graf v. Bronckhorst", in: Neue Deutsche Biographie (1966) - (Pdf, 54 KB)
Adobe  "Werth, Johann Graf von", in: Allgemeine Deutsche Biographie (1897) - (Pdf, 70 KB)
  • Kaiserliches Heer (Reichsarmee)
Adobe  "Piccolomini, Ottavio, Herzog v. Amalfi", in: Neue Deutsche Biographie (2001) - (Pdf, 90 KB)
Adobe  "Gallas, Matthias, Graf von", in: Neue Deutsche Biographie (1964) - (Pdf, 91 KB)
Adobe  "Leopold Wilhelm, Erzherzog v. Österreich", in: Neue Deutsche Biographie (1985) - (Pdf, 62 KB)
Adobe  "Ferdinand III., Kaiser", in: Neue Deutsche Biographie (1961) - (Pdf, 74 KB)
Adobe  "Holzappel, Peter, Graf zu", in: Neue Deutsche Biographie (1972) - (Pdf, 66 KB)
Adobe  "Collalto, Rambaldo, Graf von", in: Neue Deutsche Biographie (1957) - (Pdf, 54 KB)
Graf Collalto gilt als Beispiel eines höfischen Karrieristen, der zur falschen Zeit am falschen Ort war und im Feld mehr Probleme wie Lösungen generierte. Seine persönlichen Präferenzen lagen auf völlig anderen Gebieten und waren für die kaiserliche Kriegsführung nicht zweckdienlich. Die Katholische Liga und das Kurfürstentum Bayern agierten hier wesentlich nachhaltiger, bzw. leistungsorientierter. Inkompetenz endete dort nicht selten vor einem Kriegsgericht! Eine mögliche Steigerung könnte noch Graf Gallas darstellen, dem der Titel eines Heeresverderbers angehaftet wurde. Die von diesem zu verantwortende militärische Katastrophe an der Niederelbe im Herbst 1644 entzog dem süddeutschen Kriegsschauplatz dringend benötigte Truppen für den Kampf gegen Frankreich.
Fahnen & Standarten - Die Katholische Liga und die kaiserliche Armee - ©Antje Lucht Fahnen & Standarten - Die Katholische Liga und die kaiserliche Armee - ©Antje Lucht
Fahnen und Standarten aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges
Katholische Liga und die Kaiserliche Armee
 
Zur Identifizierung der Regimenter der Katholischen Liga und deren Fahnen und Standarten wird auf die nebenstehende Publikation verwiesen, das Werk geht in ausführlicher Weise auf die Quellenlage ein. Die bei Breitenfeld (1631) von den Schweden eroberten Fahnen finden eine Behandlung, der derzeitige Forschungsstand wird eingehend dargestellt. Ergänzend kann noch angemerkt werden, dass das Kreuz von Burgund durchaus seine Aufnahme in die Fahnen der Katholischen Liga gefunden hat. Dieses Kreuz begegnet uns dann wieder als allgemeines Fahnensymbol der spanischen Tercios (Kriegsflagge Spaniens).
 
Antje & Jürgen Lucht - Edition Peterstor - Großschirma
ISBN: 978-3-946351-02-3 - Keine Werbung! -
WEB: Verlag Edition Peterstor
Das Bayerische Armeemuseum in Ingolstadt führt im Bestand des dortigen Fahnenhauses [Link] noch die Originalfahne eines Kurfürstlich Bayerischen Fußknechtregiments der Katholischen Liga auf.
WEB: Der Flaggenkurier 29/2009 - dortiger Download: Textteil und Farbtafeln; [Pressebericht]
Spanische Expeditionsarmee
Süddeutscher Kriegsschauplatz (1633-1634)
1633 entsetzte ein spanischer Truppenverband (Ejército de Alsacia, Armee des Elsass) unter dem Befehl von Don Gómez Suárez de FigueroaHerzog de Feria, die Städte Konstanz [1], Breisach und Bregenz und nahm die von den Schweden gehaltene Stadt Rheinfelden im Sturmangriff (Oktober 1633). Die 20.000 Mann Fußvolk und 4.000 Reiter umfassende Expeditionsarmee [2] hatte den Befehl erhalten, die Rhein-Route von schwedischen und protestantischen Truppen (Heilbronner Bund) zu säubern, die Freigrafschaft Burgund zu verteidigen, das habsburgische Tirol zu sichern, sowie die kaiserlichen Truppen zu unterstützen. Hauptziel des vom spanischen Minister Don Gaspar de Guzmán, Graf von Olivares und Herzog von San Lucar, entworfenen Planes war die Öffnung eines strategischen Korridors für spanische Truppen von der spanischen Lombardei in die spanischen Niederlande (Heerstraße Camino Español). Die Spanier kämpften dann in der entscheidenden Schlacht bei Nördlingen (1634).
[1] Zur Befreiung von Konstanz sollte noch folgendes Detail eine Erwähnung finden. Die von den Schweden unter Graf Horn belagerte Stadt wurde von einem kaiserlich-lothringischen Obristen namens Franz Freiherr von Mercy und seinem Fußregiment gehalten. Dieser außergewöhnliche lothringische Offizier begegnet uns dann später als Feldherr und Oberbefehlshaber der kurbayerischen Armee (Reichsarmee). [Interner Link]
[2] Spanische Angabe der Truppenstärke, diese schwankt in den unterschiedlichen Quellenangaben.
Don Gómez Suárez de Figueroa, Herzog de Feria
Gouverneur des Herzogtums Mailand - Feldzug von 1633/34
Eine Gemäldeserie des zeitgenössischen Malers Vicente Carducho behandelt den Feldzug des Herzogs de Feria in Süddeutschland - "La Campaña de Alsacia del Duque de Feria". Die im Prado Museum in Madrid befindlichen Gemälde entstanden zeitnah zu den Ereignissen und dürften kurz vor/nach dem Tod des Herzogs in Auftrag gegeben worden sein. Carducho überliefert uns eine Darstellung der spanischen Infanterie, Kavallerie und Artillerie dieser Zeit aus seiner Sicht. Jusepe Leonardo ergänzte die Serie mit dem Gemälde der Einnahme von Breisach. Der spanische Herzog verstarb am 14. Januar 1634 in München an Typhus, seine Nachfolge als Befehlshaber übernahm der Kardinalinfant Ferdinand v. Spanien.
Die Einnahme von Konstanz durch den Herzog de Feria, Gemälde von Vicente Carducho (1634) - Prado Museum Madrid - ©gemeinfrei
Die Einnahme von Konstanz (1633), Gemälde von Vicente Carducho (1576-1638), Prado Museum Madrid - erstellt 1634 - ©gemeinfrei
Die Erstürmung Rheinfeldens durch den Herzog de Feria, Gemälde von Vicente Carducho (1634) - Prado Museum Madrid - ©gemeinfrei
Die Erstürmung Rheinfeldens (1633), Gemälde von Vicente Carducho (1576-1638), Prado Museum Madrid - erstellt 1634 - ©gemeinfrei
Die Einnahme von Breisach durch den Herzog de Feria, Gemälde von Jusepe Leonardo (1635) - Prado Museum Madrid - ©gemeinfrei
Die Einnahme von Breisach (1633), Gemälde von Jusepe Leonardo (1601-1653), Prado Museum Madrid - erstellt 1635 - ©gemeinfrei
Kardinalinfant Ferdinand von Spanien und Portugal (spanisch: Fernando de Austria, 1609-1641); Kardinal-Erzbischof v. Toledo, Gouverneur spanischer Besitzungen, Feldherr im Dreißigjährigen Krieg - Gemälde: Anton van Dyck, um 1634, Prado Museum Madrid - ©gemeinfrei Kardinalinfant Ferdinand von Spanien und Portugal (spanisch: Fernando de Austria, 1609-1641); Kardinal-Erzbischof v. Toledo, Gouverneur spanischer Besitzungen, Feldherr im Dreißigjährigen Krieg - Gemälde: Anton van Dyck, um 1634, Prado Museum Madrid - ©gemeinfrei
Spanische Kampagne
Die Kampfhandlungen der spanischen Truppen gliederten sich in mehrere Phasen, den Anfang machte der besagte Feldzug des Herzogs v. Feria (1633, "La Campaña de Alsacia del Duque de Feria"), im Anschluss daran die Befreiung Bayerns (1633-34, "El Socorro de Baviera"), das Eintreffen des Kardinalinfanten Ferdinand v. Spanien (1634, "Los refuerzos del Cardenal-Infante"), und zuletzt die Schlacht bei Nördlingen (1634, "La Batalla de Nordlingen"). Der anschließende Abmarsch der spanischen Truppen nach Flandern beendete dann deren Engagement in Süddeutschland. Einzelne spanische Streifkorps traten allerdings noch weiterhin in Süddeutschland auf [1]. In diesem Zusammenhang darf erwähnt werden, dass den spanischen Tercios im Verlauf von zwei Jahrhunderten im Dienst der Habsburger-Dynastie ein hoher Blutzoll abverlangt wurde. Dies gilt auch für die burgundischen und italienischen Truppen unter spanischem Befehl. Die deutschen Soldregimenter in spanischen Diensten gehen etwas unter, hier klafft durchaus eine Lücke in der deutschen Geschichtsschreibung.
[1] Nachweis: 15. Mai bis 6. Dezember 1640, Einquartierung spanischer Kavallerie in der Stadt Villingen - Kaplan Meinrad Grüninger. Spanische Truppen und Soldregimenter operierten hier zusammen mit der Reichsarmee gegen schwedisch-französisch-weimarische Verbände.
Mit Verweis auf die Biographie des spanischen "Capitán Alonso de Noguerol" können neben der militärischen Laufbahn dieses Kompanieführers auch die regionalen Aktivitäten der spanischen Expeditionsarmee in Süddeutschland näher bestimmt werden. Militärische Stationen dieses kriegserprobten spanischen Offiziers waren unter anderem: Konstanz, Tuttlingen, Waldshut, Lauffenberg, Rheinfelden, Breisach, Ensisheim, Rufach, Thann, Belfort und Sulz. Capitán Alonso de Noguerol kehrte aus der entscheidenden Schlacht bei Nördlingen gegen die Schweden nicht zurück (6.9.1634), der hart umkämpfte kaiserlich-spanische Sieg musste mit hohen Verlusten erkauft werden.
Adobe  El Capitán Alonso de Noguerol (Pdf, 1 MB) - Un expediente personal de archivo (1622-1634) y su importancia histórica y administrativa - Captain Alonso de Noguerol Personal record of service (1622-1634) and its administrative and historic importance. José María de Francisco Olmos, Mª De La Almudena Serrano Mota - WEB: Universität Madrid
WEB: Karte Camino Español [WEB: Amigos del Camino Español de Los Tercios]
Die Spanier bei Nördlingen
Die nachfolgende moderne Impression zeigt das spanisch-italienische Tercio de Toraldo (Torralto) bei der verlustreichen Verteidigung der nördlichen Seite des Albuch-Hügels bei Nördlingen gegen schwedische Kürassiere (13 schwedische Sturmangriffe). Gebildet im Frühling 1633 in Neapel durch den Maestre de Campo Gaspare Toraldo d´Aragona, Marchese di Tola, umfasste dieses 14 Kompanien (capitanias, companias) mit einer Gesamtstärke von 2.200 Mann. Das Tercio stand als Bestandteil der spanisch-italienischen Expeditionsarmee unter dem Befehl des Kardinalinfanten Ferdinand v. Spanien. Die Reste des Tercios marschierten später nach Flandern (Tercio de Cárdenas), als Teil des Ejército de Alsacia (Armee des Elsass).
Schlacht bei Nördlingen 1634, das spanische Tercio de Toraldo im Kampf mit der schwedischen Reiterei am Albuch-Hügel. Bild: ©Mikel Olazábal - Quelle: Magazin Desperta Ferro!
Schlacht bei Nördlingen (1634) von Mikel Olazábal - Quelle: Magazin Desperta Ferro
Das Tercio de Toraldo (Torralto) im Kampf mit der schwedischen Reiterei am Albuch-Hügel.
Die spanischen Quellen überliefern die katholischen Kräfte bei Nördlingen in ihrer Einteilung wie folgt: Ejército español - drei deutsche Regimenter (Salms, Wurmser, Schwarzenberg), vier neapolitanische Tercios (Torralto, San Severo, Torrescusa und Cárdenas), drei lombardische Tercios (Panigerola, Lunato und Guasco), zwei spanische Tercios (Idiaquez und Fuenclara) sowie spanische, kaiserliche und italienische Kavallerie. Ejército Imperial (Kaiserliches Heer) und Ejército de la liga católica (Katholische Liga) - zwei burgundische Regimenter, ein ligistisches Regiment, drei kaiserliche Regimenter sowie kaiserlich-ligistische Kavallerie. Die Zusammensetzung des beteiligten Ejército español (spanisch-italienische Expeditionsarmee) lässt sich somit zumindest eingrenzen. Es stellt sich nun die Frage, ob diese Darstellung die Wirklichkeit auch wahrheitsgetreu wiedergibt? [Interner Link]
Ein schwarzer Tag für Spanien
1643 erlitt die spanische Armee ihre schwerste Niederlage durch die Franzosen, die Schlacht von Rocroi gilt als Wendepunkt in der Geschichte und bezeichnet das "schleichende" Ende der spanischen Vorherrschaft in Europa. Die Kämpfe zogen sich dann noch bis 1658 hin, der 1659 abgeschlossene Pyrenäenfriede beendete dann den Französisch-Spanischen Krieg (1635-1659). Spanien konnte seine militärischen Kräfte dann im portugiesischen Restaurationskrieg auf diesem Schauplatz konzentrieren (1640-1668).
Schlacht von Rocroi (1643) von Augusto Ferrer-Dalmau - ©CC BY-SA 3.0 - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Batalla_de_rocroi_por_Augusto_Ferrer-Dalmau.jpg
Schlacht von Rocroi (1643) von Augusto Ferrer-Dalmau
©CC BY-SA 3.0 - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Batalla_de_rocroi_por_Augusto_Ferrer-Dalmau.jpg
Augusto Ferrer-Dalmau ist einer der herausragendsten Historienmaler unserer Zeit.
Seine Werke gründen auf einer hohen Sachkenntnis und exzellenten Detailtreue.
WEB: Augusto Ferrer-Dalmau
Der Feinde zuviel
Ein französischer Kardinal und Staatsminister beeinflusst den Krieg
So seltsam es auch klingt, die Kampfansage Frankreichs galt im Grunde nicht dem deutschen Reich als solches, diese zielte auf die dynastische Verbindung der Habsburger im Reich "und" Spanien, verbunden mit forschen Forderungen auf linksrheinische Herrschaften des Reiches. Kardinal Richelieu brachte diesen Sachverhalt auch mehrfach zur Kenntnis: "Kein Katholik in des (französischen) Königs Dienst ist, wenn es sich um den Staat handelt, so blind, um einen Spanier einem französischen Hugenotten vorzuziehen." Später ging er dann noch deutlicher auf den eigentlichen Kern des politischen Problems ein: "Den protestantischen Fürsten Deutschlands muss man klar machen, dass wir ein weiteres Vordringen Spaniens verhindern wollen, indem wir ihnen auf diskrete Weise Hilfe gegen die Absichten des Königs von Spanien versprechen, der bestrebt ist, im gegebenen Augenblick die ungarische, die böhmische und die Kaiserkrone einem seiner Kinder zu verschaffen." Der kaiserliche Sieg bei Nördlingen (1634) verschob dann die Machtverhältnisse zu Gunsten des Reiches und Spanien, das Gleichgewicht der Kräfte war aus der Sicht der Franzosen aufgehoben, die französische Krone agierte nun selbst als Kriegspartei zur Wahrung der eigenen Interessen.
Kardinal Richelieu bei der Belagerung von La Rochelle, Gemälde von 1881 - Henri-Paul Motte - ©gemeinfrei
Kardinal Richelieu bei der Belagerung von La Rochelle,
Gemälde von 1881 - Henri-Paul Motte - ©gemeinfrei

Porträt: Kardinal Jules Mazarin (1602-1661) um 1658/60 - von Pierre Mignard (Musée Condé) - ©gemeinfrei Porträt: Kardinal Jules Mazarin (1602-1661) um 1658/60 - von Pierre Mignard (Musée Condé) - ©gemeinfrei
Frankreich beendet seine internen Kämpfe
Nach dem Sieg der französischen Krone über die Hugenotten bei La Rochelle (28. Oktober 1628) fielen diese als militärischer Machtfaktor aus, die innenpolitische Stabilität Frankreichs war wiederhergestellt. Frankreich konnte sich nun auf die Machtpolitik gegen Habsburg konzentrieren und stärker in den Dreißigjährigen Krieg eingreifen. Zuerst noch verdeckt agierend trat Frankreich 1635 dann offen in die Kampfhandlungen ein. Die Übernahme des weimarischen Söldnerheeres aus schwedischen in französische Dienste stellte einen ersten Schritt dar, Herzog Bernhard v. Sachsen-Weimar übernahm die Rolle des ersten französischen Degens gegen Habsburg im deutschen Reich. Der überraschende Tod des Herzogs 1639 veränderte dann das französische Vorgehen, nun übernahm die französische Generalität die Kriegsführung. Die weimarischen Besatzungen verblieben in den eroberten Städten entlang des Rheins und bildeten das "Glacis" der Franzosen gegenüber den Kaiserlichen. Von Mahlberg über Lichteneck, Breisach, Freiburg, Neuenburg, Hüningen, Rheinfelden, Säckingen, Lauffen und Waldshut zogen sich die französisch-weimarischen Stützpunkte zur Sicherung des Breisgau und Elsass. Die kaiserliche Partei konnte sich noch auf die festen Stützpunkte Offenburg, Hornberg, Villingen und später noch Tuttlingen stützen. Nach Richelieus Tod im Dezember 1642 führte sein Nachfolger Kardinal Mazarin, als regierender Minister Frankreichs, dessen eingeschlagene politische Linie fort. In Mazarins Amtszeit fällt die Intensivierung der französischen Kampfhandlungen und letztlich die Aushandlung des Westfälischen Friedens von 1648.
Herzog Bernhard v. Sachsen-Weimar (1604-1639), Kriegsunternehmer und protestantischer Feldherr im 30-jährigen Krieg. Bild: Helmolt, H.F., ed. History of the World. New York: Dodd, Mead and Company, 1902 - ©gemeinfrei Herzog Bernhard v. Sachsen-Weimar (1604-1639), Kriegsunternehmer und protestantischer Feldherr im 30-jährigen Krieg. Bild: Helmolt, H.F., ed. History of the World. New York: Dodd, Mead and Company, 1902 - ©gemeinfrei
Herzog Bernhard v. Sachsen-Weimar
Die kaiserlichen Truppen stießen nach der Schlacht bei Nördlingen (1634) wieder auf einen altbekannten protestantischen Kriegsunternehmer, der im Stil von Mansfeld, Halberstadt und Waldstein (Wallenstein) primär nur an territorialen Eroberungen interessiert war, also weniger aus religiösen und ritterlichen Motiven das Schlachtfeld betrat. Es handelte sich hier um den Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar (1604-1639), der durch französische Subsidiengelder gestützt ein Söldnerheer von 12.000 Mann Fußvolk und 6.000 Reiter nebst Artillerie vorhalten konnte und für die französische Krone nun stellvertretend ins Feld rückte (Vertrag von Saint-Germain-en-Laye von 1635; Finanzierung des in schwedischen Diensten stehenden weimarischen Söldnerheeres, Abschluss eines Geheimartikels). Maßgeblich für die schwedische Katastrophe bei Nördlingen verantwortlich, wechselte der Herzog de facto in das französische Lager und konnte so die Umsetzung seiner persönlichen ambitionierten Kriegsziele weiterführen, zum Leidwesen der kaiserlichen Partei. Die nachfolgenden Kampfhandlungen fanden dann überwiegend im süddeutschen Raum statt und zogen sich mit wechselndem Erfolg bis 1639 hin. Der sächsische Herzog operierte durchaus eigensinnig, selbst den Franzosen und deren Minister Kardinal Richelieu blieben dessen Gedanken und Wege so manches Mal verschlossen. Herzog Bernhard v. Sachsen-Weimar bezog zum Reichsverband des Heiligen Römischen Reiches eine durchaus destruktive Position, die einzig auf die Bildung eines eigenen und unabhängigen Herrschaftsraumes abzielte. Er unterschied sich hier wesentlich von gemäßigten protestantischen Reichsfürsten, die den Reichsverband zumindest noch institutionell anerkannten. Religiöse Motive spielten so gut wie keine Rolle mehr, eine rigorose Durchsetzung machtpolitischer Partikularinteressen war an deren Stelle gerückt. Mit allen kaiserlichen Gegnern verhandelnd versuchte der Herzog auf Biegen und Brechen sich ein unabhängiges Fürstentum zu erobern, letztlich endeten dann alle persönlichen Ambitionen mit dessen Tod im Jahr 1639. Wie gewonnen so zerronnen, seine Erben erhielten weder die Eroberungen noch den vollständigen Nachlass, die alte Ordnung blieb erhalten. Die weimarischen Resttruppen unterstellten sich nachfolgend dem Befehl der französischen Krone und bildeten den Kern der späteren Armée de l´Allemagne (Deutsche Brigade und Reiterei, nach der Schlacht bei Tuttlingen).
Louis II. de Bourbon (1621-1686), Feldherr, prince de Condé, Duc d'Enghien. Seit 1646 mächtigster Adeliger Frankreichs. Geriet in Opposition zum Königshaus (Fronde) und musste nach seiner Verurteilung zum Tode zeitweilig nach Spanien flüchten. Diente dort dem spanischen König Philipp IV. als General - Porträt von Justus van Egmont - ©gemeinfrei Louis II. de Bourbon (1621-1686), Feldherr, prince de Condé, Duc d'Enghien. Seit 1646 mächtigster Adeliger Frankreichs. Geriet in Opposition zum Königshaus (Fronde) und musste nach seiner Verurteilung zum Tode zeitweilig nach Spanien flüchten. Diente dort dem spanischen König Philipp IV. als General - Porträt von Justus van Egmont - ©gemeinfrei
Krieg gegen Habsburg
Der Eintritt Frankreichs in den Krieg führte diesem Kriegstheater noch einmal frische Kräfte zu, die französisch-weimarischen Truppen konnten auf unverbrauchte Ressourcen und entsprechendes Material zurückgreifen. Gegenüber den kaiserlich-habsburgischen und kurbayerischen Truppen ein nahezu verschwenderischer Standard, der bei diesen schon längst verschwunden war. Dort war nur noch die Effizienz der Waffenwirkung und eine Begrenzung der Kriegskosten ein Thema, die langen Kriegsjahre hatten bereits tiefe Spuren hinterlassen. Alles was nicht zweckmäßig erschien, oder sich im Feld als nachteilig erwiesen hatte, war bereits verbannt, generell wurde einer puristischen Herangehensweise Vorrang eingeräumt. Die Stärke Frankreichs basierte somit wesentlich auf den frei verfügbaren Ressourcen des Landes, ein schlagender Vorteil für die kommenden Kämpfe. Trotz anfänglicher Erfolge des kurbayerischen Korps konnten die Franzosen nach der Schlacht bei Freiburg (3.-10. August 1644) und der Schlacht bei Alerheim (3. August 1645) eine Pattsituation erzwingen, die letztlich einen strategischen Vorteil für Frankreich generierte. Zum letzten Mal kämpften kaiserlich-kurbayerische Truppen unter dem Befehl von Generalfeldmarschall Piccolomini und General Werth am 5. Oktober 1648 in der etwas seltsam zustande gekommenen Schlacht bei Dachau siegreich gegen französisch-schwedische Truppen. Dies war die letzte größere militärische Konfrontation des Dreißigjährigen Krieges.
Les Armées Françaises de la Guerre de Trente ans, von ©Stéphane Thion Les Armées Françaises de la Guerre de Trente ans, von ©Stéphane Thion
Französischer Aufmarsch 1643/44
Die Ende 1643 erlittene Niederlage der französisch-weimarischen Armee bei Tuttlingen (Graf Rantzau) führte zu einer Umgruppierung der französischen Streitkräfte, im Frühjahr 1644 standen dann drei französische Armeen wie folgt zur Verfügung: a) Armée de la Picardie - unter dem Herzog v. Orléans im Nordwesten Frankreichs; b) Armée de l´Allemagne - 10.000 Mann unter Turenne bei Colmar im Elsass; c) Armée de France - 10.000 Mann unter dem Herzog v. Enghien (Prinz Condé) zwischen Stenay und Verdun an der Maas, als mögliche Verstärkung für Orléans oder Turenne. Marschall Turenne wurde die schwere Aufgabe zugewiesen, das Elsass und den Breisgau mit der Stadt Freiburg gegen den kurbayerischen Generalfeldmarschall Mercy zu verteidigen. Die Protagonisten der kommenden Kämpfe waren in Stellung gegangen...
 
Weitere Info:
Les Armées Françaises de la Guerre de Trente ans, von Stéphane Thion
Maréchal de France, Henri de La Tour d’Auvergne, vicomte de Turenne (1611-1675) - Gemälde: Robert Nanteuil - ©gemeinfrei. Verheerte 1647, zusammen mit Wrangel, das Kurfürstentum Bayern. Maréchal de France, Henri de La Tour d’Auvergne, vicomte de Turenne (1611-1675) - Gemälde: Robert Nanteuil - ©gemeinfrei. Verheerte 1647, zusammen mit Wrangel, das Kurfürstentum Bayern.
Die Baar als Schauplatz
Ein aus lokalgeschichtlicher Sicht interessanter Plan des französischen Feldherren Turenne wurde dann am 1. Juni 1644 in die Tat umgesetzt. Der linksrheinisch ausgehende Einfall der Armée de l´Allemagne in drei getrennten Marschsäulen sollte sich bei Donaueschingen (Landgrafschaft Baar) wieder vereinen und dort eine vorgeschobene Stellung gegenüber der kaiserlich-bayerischen Armee bilden. Die rechte Kolonne marschierte nun über Rheinfelden und Säckingen rheinaufwärts, während die linke Kolonne über Freiburg und St. Märgen am 3. Juni den Raum Donaueschingen erreichte, im Nachzug folgte dieser noch die dritte Kolonne. Bayerische Aufklärungsabteilungen stießen dann bei Donaueschingen auf die französisch-weimarische Reiterei, die überraschend nach Hüfingen abbog. Dieser gelang es nachfolgend die bayerischen Reitervorposten zu werfen, in Folge entwickelte sich nun ein schweres Reitergefecht das in Frankreich als Sieg bei Hüfingen Erwähnung gefunden hat [1]. Ein herangeführtes bayerisches Dragonerregiment (Wolff) wurde dort von überlegenen französisch-weimarischen Kavallerieabteilungen gestellt und verlor 400 Mann, 900 Pferde und sieben Standarten. Nachdem die kaiserlich-bayerische Armee unter dem Befehl des Generalfeldmarschalls Mercy in voller Stärke vom Hohentwiel heranzog (20.000 Mann), verflüchtigte sich der französische Sturm so schnell wie er gekommen war. Turenne räumte den Breisgau und zog sich über den Rhein zurück, die vom Rückmarsch betroffenen Landschaften wurden nach damaligen Kriegsrecht behandelt, also ausgeplündert [2]. Auf dem Land floh die Bevölkerung in die nahen Wälder, zurückgelassenes bewegliches Gut und Vieh wurde von den umherstreifenden Soldaten fortgeführt. Am 20. Juni begann Mercy den Vormarsch auf Freiburg, über Blumberg, Hüfingen, Neustadt, St. Märgen (Hohlen Graben) und St. Peter marschierte die kaiserlich-bayerische Armee in langen Kolonnen auf die Stadt zu. Mit der Belagerung und erfolgreichen Rückeroberung von Freiburg konnte dann ein erstes Ziel erreicht werden, der Freiburger Stadtkommandant Canofsky [Link] kapitulierte am 27. Juli, die Verteidigung war nach 32 Tagen gefallen. Es begannen nun die Vorkämpfe, die zur Schlacht bei Freiburg führen sollten.
[1] Die Auf- und Abmärsche der beteiligten Truppen erfolgten teilweise über fürstenbergische Gebiete (Landgrafschaft Baar, u. a.). Bevorzugte Marschwege bildeten Wagensteig, Glottertal, Höllental (Neustadt), die Schwarzwaldtäler und das Kinzigtal (Heerstraße in die Ortenau). Artillerie und Wagentross bewegten sich bevorzugt auf festen, breiten Wegen.
[2] Die durchziehenden Truppen waren bereits auf eine Versorgung aus Magazinen angewiesen, aus den ausgeplünderten Landschaften konnten so gut wie keine Ressourcen mehr gewonnen werden. Die logistische Versorgung der Soldaten und Pferde im Feld bestimmte nicht unerheblich den weiteren Kriegsverlauf, eine Verödung der Landschaften stellte ein probates Mittel der damaligen Kriegsführung zur Behinderung eines nachrückenden Gegners dar.
Die Schlacht bei Freiburg im Breisgau am 3., 5. und 10. August 1644 - ©Rombach Verlag - Schaufler, Hans-Helmut Die Schlacht bei Freiburg im Breisgau am 3., 5. und 10. August 1644 - ©Rombach Verlag - Schaufler, Hans-Helmut
Schlacht bei Freiburg im Breisgau
Die schweren Kämpfe bei Freiburg am 3., 5. und 10. August 1644 sind insoweit außergewöhnlich, da hier die Gegner über mehrere Tage um den Sieg rangen und die Entscheidung unter Inkaufnahme einer drohenden Vernichtung suchten. Intensität und Härte der dort geführten Gefechte forderte den beteiligten Truppen physisch wie psychisch alles ab, teilweise verloren diese ihre Kampfmoral. Auf Grund der hohen französischen Verluste kann diese Schlacht durchaus als Erfolg für Mercy gewertet werden, der unter Einbeziehung der topographischen Gegebenheiten die Tiefe des Raumes vorteilhaft nutzte und ein klassisches Abnutzungsgefecht in der Rückzugsbewegung ablieferte. Es entwickelte sich hier aus einer förmlichen Feldschlacht eine Bergschlacht, ein unbarmherziges Gelände für jeden Angreifer. Das von Mercy ausgegebene Ziel war ein beabsichtigtes "Totlaufen" des französischen Gegners vor den eigenen festen Stellungen, dort sollte dieser zurückgeschlagen werden. Schon damals galt der Lehrsatz: "Schanzen spart Blut!". Befestigte Artilleriestellungen und abgesessene Kavallerieregimenter unterstützten die Gefechtslinie der kaiserlich-bayerischen Infanterie, die sich dann im gefürchteten Nahkampf erbarmungslos schlug. Die von Condé und Turenne unablässig vorgetragenen Sturmangriffe der französischen Infanterie wurden blutig zurückgeworfen, bei den französischen Regimentern zeigten sich dann Auflösungserscheinungen. Bereits am 3. August beliefen sich die Verluste bei der Armée de France auf ca. 1.200 Mann [1], die Armée de l´Allemagne verlor an die 1.600 Mann, bei den Bayern ca. 600 bis 700 Mann. Die Kämpfe am 5. August entwickelten sich dann zum blutigen Aderlass, bis zum Mittag verloren die Franzosen bereits im Vorkampf 1.100 Mann an der Wonnhalde, die Bayern annähernd 300 Mann. Um 15 Uhr griffen die französischen Brigaden konzentriert am Lorettoberg an, am Abend lagen nach mehrstündigem Gefecht 2.000 tote und 2.000 verwundete Franzosen vor der Bergstellung der Bayern, die hier selbst 1.000 Mann, überwiegend Verwundete, beklagen mussten. Selten wurde so erbittert gekämpft, wie an diesem Berg. Erstaunlicherweise ließ Mercy die Gelegenheit zur vollständigen Vernichtung der französischen Truppen verstreichen, er verharrte in seiner vorteilhaften Gefechtsposition. Unablässig rollten nun die Verstärkungen aus Frankreich heran um die Verluste der französischen Truppen wieder auszugleichen. Am 10. August kam es dann bei St. Peter noch zu einem Gefecht, Mercy hatte wiederum seine Gefechtsposition verlagert und die Franzosen ins Leere laufen lassen. Die nachgerückte weimarische Reiterei unter Generalmajor Rosen schlug sich dort allerdings mit Bravour gegen die bayerischen Abteilungen. Erstmalig verweigerte die bayerische Reiterei den Befehl zum dortigen Gegenangriff, etwas noch nie Dagewesenes [2]. Über das Glottertal stießen die französischen Regimenter dann mit klingendem Spiel auf St. Peter vor, die Bayern konnten die Pfeifen und Trommeln der französischen Avantgarde bereits wahrnehmen. Mercy rückte in Folge unbehindert und geordnet über den Hohlen Graben nach Villingen ab [3], die Schlacht bei Freiburg hatte ihr Ende gefunden [4]. Der Krieg nahm seinen weiteren Verlauf, am 5. Mai 1645 vernichtete Mercy die französischen Truppen unter Turenne nahezu vollständig bei Herbsthausen, sein früher Tod auf dem Schlachtfeld von Alerheim, am 3. August 1645, verhinderte dann einen möglichen Sieg über den Herzog v. Enghien (Prinz Condé). Die letzte erfolgreiche Phase der Bayern war zu Ende gegangen.
[1] Beim Angriff auf die Schanze (Redoute) auf dem Bohl wurde kein Pardon gewährt, die Franzosen und Bayern massakrierten sich ohne Gnade im Feuer- und Nahkampf. Der Einsatz der bayerischen Geschütze, sowie massiertes Gewehrfeuer, wirkte sich wie ein großer Schnitter aus, der dichte Geschosshagel riss die erste Angriffslinie der französischen Regimenter in Stücke. Die pure Masse der in tiefer Kolonne nachrückenden Franzosen überrollte dann die Bayern, die mit dem Laden ihrer Musketen nicht mehr nachkamen. In dichten Reihen brachen die Franzosen mit der blanken Waffe in die Schanze ein und erstickten den Widerstand der Bayern. Nach dem Fall des Vorwerkes am Bohl wurden den dort habhaft gewordenen bayerischen Soldaten der Überlieferung nach die Kehlen durchschnitten. Reste der bayerischen Regimenter Holz und Wahl waren zuvor noch ausgebrochen und konnten sich im Höllwald (Schneeburg) in Sicherheit bringen, die Regimenter Haßlang und Enschering (50%) rückten dann in das Hauptwerk Sternschanze ein. Kaum vorstellbar, erst dreißig Jahre später wurden die immer noch am Berghang verstreuten Gebeine der Gefallenen gesammelt und in eine Grube verbracht (Andachtsstätte, Feld der Holzkreuze)! Das Schlachtenkreuz am Bohl erinnert heute noch an diese Kampfstätte. [Schaufler, Anm. 103, S. 125, a.a.O.]
[2] Diese war nahezu nicht mehr einsatzfähig, seit Tagen befanden sich die Pferde im Einsatz und hatten zudem kein ausreichendes Futter erhalten. GFM Mercy schätzte die Situation realistisch ein und rückte dann als taktischer Sieger ab.
[3] Die kaiserlich-bayerische Armee marschierte in voller Stärke über St. Märgen und die Schwarzwaldtäler nach Villingen ab und erreichte dieses noch am gleichen Tag. Am 11. August erfolgte der Weitermarsch nach Schömberg, dort blieb diese bis zum 14. in Ruhestellung. Condé stand mit seiner Armee am 11. August bei St. Peter, am 12. rückte er wieder in den Breisgau ab (Denzlingen). Das Kloster St. Peter wurde beim Abmarsch in Brand gesetzt, Condé startete dann von Denzlingen aus seinen erfolgreichen Feldzug gegen die kaiserlichen Festungen und Städte entlang des Rheins. Turenne schloss sich dem Feldzug von Condé an, agierte aber getrennt zu diesem.
[4] Die Brutalität der Freiburger Kämpfe speiste sich aus der absoluten Entschlossenheit der beteiligten Truppen, hier nicht nachzugeben. Der teilweise feststellbare Übergang einer geordneten Gefechtsführung der Truppen zur unkontrollierten Raserei und Mordlust, ist sicherlich der hohen psychischen Belastung der Soldaten geschuldet. Wer durch die Hölle gegangen ist, trägt diese letztlich auch weiter...
Im Grunde trafen bei Freiburg die fähigsten Feldherren dieser Zeit aufeinander, Turenne und Condé sowie Mercy und Werth agierten hier nach allen Regeln der damaligen Kriegskunst. Verblüffende Parallelen zu modernen Einsatzszenarien getrennt marschierender Seitenkorps und vorgetragene Zangenangriffe zur Einschließung der Bayern kamen hier zur Anwendung, Mercy konterte diese mit einer nahezu vorseherischen Verlagerung der eigenen Gefechtsposition. Die brutal geführten Einzelkämpfe in den Weinbergen, an Berghängen und teilweise im Gehölz, entwickelten sich zum Massaker. Am Ende der Schlacht konnten die Franzosen zwar Geländegewinne vorweisen, diese mussten aber mit schwersten Verlusten teuer erkauft werden. Weder Turenne noch Condé waren sich im klaren darüber, wer in diesem Ringen nun die Rolle des Siegers und des Besiegten wirklich eingenommen hatte. Man stand mit leeren Händen in den Bergen, der bayerische Gegner war ungeschlagen abgezogen und hatte die beiden französischen Armeen nahezu ruiniert. Der bayerische General Jan von Werth äußerte sich später wie folgt: "er, seit zweiundzwanzig Jahren mit dem Bluthandwerk vertraut, habe niemalen so blutigem Treffen beigewohnt!" [Schaufler]. Nach Beendigung der Kämpfe zogen sich die kaiserlich-bayerischen Truppen geordnet nach Villingen auf dem Schwarzwald zurück (Magazin/Versorgungsbasis), die Festung Freiburg wurde von diesen weiterhin gehalten. Ein späterer französischer Truppenführer analysierte die Freiburger Schlacht und deren Entstehung im Rahmen seiner kriegsgeschichtlichen Studien dann sehr umfassend und hinterließ aufschlussreiche Kommentare. Sein Name war Napoléon Buonaparte...
 
Die Franzosen verharren auf den Schwarzwaldhöhen
Unter Berücksichtigung der damaligen innenpolitischen Verhältnisse Frankreichs erklärt sich die Umkehr des Herzogs v. Enghien (Condé) bei St. Peter durchaus. Als hochrangiges Mitglied des französischen Königshauses Bourbon vertrat der Herzog nicht nur eine rein militärischen Erwägungen unterworfene Position, er nahm hier die Rolle eines machtpolitischen Feldherren ein. Aus der Erfahrung der Freiburger Schlacht musste er den Schluss ziehen, dass eine Fortführung der Kämpfe gegen Mercy nicht nur reguläre Feldschlachten, sondern auch blutigste Gefechte um Erdwerke, Höhenstellungen und Befestigungen umfassen würde. Bei Freiburg hatten die bayerischen Regimenter gezeigt, wie hoch der mögliche Preis eines Sieges ausfallen könnte. Ein schneller Erfolg und glorreiche Siege waren gegen diesen vorsichtigen und erfahrenen Gegner nicht ohne weiteres zu erreichen. Der Herzog v. Enghien konnte es zudem politisch nicht riskieren hier Pyrrhussiege oder Niederlagen einzufahren, solche Rückschläge konnten sich eher militärische Chargen wie ein Turenne leisten. Schon die unangenehme Kommunikation mit Staatsminister Kardinal Mazarin über die hohen Verluste bei Freiburg war ein politischer Fingerzeig, in welche Richtung sich ein solches Engagement entwickeln könnte. Insoweit war seine Entscheidung für einen Feldzug entlang des Rheins richtig, er kehrte als Held nach Frankreich zurück. [1]
[1] Sein späteres innerfranzösisches Kontrastprogramm war dann atemberaubend, von 1650-51 war er als Staatsgefangener in der Festung Vincennes inhaftiert, löste nachfolgend den Fürsten-Aufstand aus und wurde 1652 von Turenne entscheidend vor Paris geschlagen. In Abwesenheit zum Tode durch Enthauptung verurteilt und aller seiner Besitztümer entledigt, kehrte dieser 1659 nach Frankreich zurück (Begnadigung). Die französische Krone konnte es sich auf Dauer nicht leisten, einen Prinzen Condé weiterhin in spanischen Militärdiensten zu belassen.
Weitere Info:
WEB: Schlacht bei Freiburg im Breisgau 1644 - DDB
Der Krieg gerät in eine Schieflage
Der deutsche Bruderkrieg befeuerte sich nach 1635 maßgeblich aus der französisch-spanischen Rivalität um die Vorherrschaft in Europa. Hegemoniale Interessen waren hier deutlich substanzieller ausgeprägt wie Glaubenskonflikte. In diesem Umfeld agierte der bayerische Kurfürst nun nach allen Regeln der Staatskunst. Spätestens 1644/45 war diesem klar geworden, dass die habsburgischen Staatsinteressen im Reich "und" Spanien, also die Weiterführung des Krieges, in einem machtpolitischen Desaster enden könnten. Es ging nun wahrlich um die eigene Haut, die französische Position wurde ins politische Kalkül gezogen. Dies äußerte sich dahingehend, dass die kaiserlich-bayerische Armee ihr Gefechtsverhalten veränderte, abgestimmt zur politischen Lage operierte diese etwas zurückhaltender, bzw. vorausschauender. Die ausgegebene Losung hieß: "Für den Kaiser das Notwendige, gegen die Franzosen das Vertretbare, für Bayern das Ganze!" Eine schwierige Ausgangssituation für die bayerischen Feldherren, die sich nun in der Defensive bewähren und innovative Auswege suchen mussten. Für das Kurfürstentum Bayern zeichnete sich letztlich ein gefährliches Szenario ab, der habsburgische Kaiser sah sich nicht mehr in der Lage seine süddeutschen Reichsgebiete, Festungen und Truppen ausreichend zu unterstützen. Entlang des Oberrheins fiel eine kaiserliche Festung nach der anderen, Condé und Turenne sammelten diese wie umherliegende Murmeln ein. Der Herzog v. Enghien nahm im Spätsommer 1644, nach der Schlacht bei Freiburg, zuerst Philippsburg im Kampf, Mannheim und Speyer ergaben sich, Mainz folgte kurz darauf. Turenne nahm parallel Worms, Bingen, Kreuznach, Landau und Bacherach ein. Die Franzosen beherrschten nun das linke Rheinufer von Hüningen bis Koblenz, ein Erfolg ohnegleichen. Die kaiserlich-bayerische Armee stand im Neckarraum und schirmte seit August nur noch Bayern ab, die Befehle aus München waren eindeutig.
Carl Gustav Wrangel (1613-1676), Graf zu Salmis und Sölvesborg, schwedischer Feldmarschall und Staatsmann. Gemälde: Matthäus Merian d.J. - 1662; ©gemeinfrei. Wrangel war einer der größten Profiteure des Dreißigjährigen Krieges. Ein Verheerer und Bereicherer erster Garnitur, sein Privatvermögen betrug zuletzt eine Million Reichstaler. Der Überlieferung nach soll Wrangel über die Einstellung der Kampfhandlungen nach der Schlacht bei Dachau 1648 schwer erbost gewesen sein, Frieden stellte für ihn keine Option dar. Sein letzter Feldzug von 1674 in der Mark Brandenburg ließ aber sogar ihn dann zweifeln, grausame Exzesse der schwedischen Truppen an der dortigen Bevölkerung lasteten nun auf ihm. Eigenzitat: ... solange er Soldat sey, (soetwas) nicht vorgekommen und unter Christen unerhört ... sey. Carl Gustav Wrangel (1613-1676), Graf zu Salmis und Sölvesborg, schwedischer Feldmarschall und Staatsmann. Gemälde: Matthäus Merian d.J. - 1662; ©gemeinfrei. Wrangel war einer der größten Profiteure des Dreißigjährigen Krieges. Ein Verheerer und Bereicherer erster Garnitur, sein Privatvermögen betrug zuletzt eine Million Reichstaler. Der Überlieferung nach soll Wrangel über die Einstellung der Kampfhandlungen nach der Schlacht bei Dachau 1648 schwer erbost gewesen sein, Frieden stellte für ihn keine Option dar. Sein letzter Feldzug von 1674 in der Mark Brandenburg ließ aber sogar ihn dann zweifeln, grausame Exzesse der schwedischen Truppen an der dortigen Bevölkerung lasteten nun auf ihm. Eigenzitat: ... solange er Soldat sey, (soetwas) nicht vorgekommen und unter Christen unerhört ... sey.
Befehlslage
Bereits am 13. August 1644 zog der bayerische Kurfürst Maximilian I. erste Konsequenzen: "Weilln nun an der Armada salvierung das Röm. Reich ieziger zeit Lastet, so werdet ihr solche woll in acht nemmen, und euch alzeit in solchen Posto sezen, daß euch der feindt zum schlagen durchaus nit obligiren künde, sondern daß ihr den feindt vertoben lasset..."! [zit. Heilmann]. Eine schwerwiegende Entscheidung, die Bayern würden bei Bedarf nun in die Tiefe des Raums zurückweichen, der Gegner konnte einfallen. Das militärische Versagen des kaiserlichen Generalfeldmarschalls Gallas an der Niederelbe im Herbst 1644 entzog den Bayern dann die Unterstützung der kurz zuvor eingetroffenen kaiserlichen Truppen, Generalfeldmarschall Hatzfeldt und seine Regimenter wurden zum Schutz Böhmens abgezogen. Bereits angelaufene Gegenaktionen, wie die erfolgreiche Rückeroberung Mannheims durch Werth, mussten abgebrochen werden. Der kurbayerische Generalfeldmarschall Mercy konzentrierte sich nun auf die Verteidigung Bayerns. Erschwerend kam noch hinzu, dass durch die zeitweiligen Aussetzer der kaiserlich-habsburgischen Kriegsführung schwedische Truppen freigesetzt wurden, die nun auf dem süddeutschen Kriegsschauplatz zum Einsatz kamen (Feldmarschall Graf Königsmarck). Den Bayern gelang es dann 1645 zumindest noch Turenne bei Herbsthausen vernichtend zu schlagen, bei Alerheim konnte nur noch ein unsicheres Patt erreicht werden. Der Gegner stand nun dauerhaft in Süddeutschland, Mercy war gefallen. Turenne und Wrangel starteten dann 1647, auf die Revolte von Werth reagierend [1], ihre finale Offensive gegen Bayern und durchbrachen die Donaulinie. Ironischerweise lieferte Werth den Anlass zu diesem Feldzug, die laufenden Verhandlungen zwischen den Franzosen und Bayern wurden abgebrochen. Der kaiserliche Generalfeldmarschall Melander sowie der bayerische Generalfeldmarschall Gronsfeld konnten das bayerische Kurfürstentum in Folge nicht halten, Gronsfeld zog sich an den Inn zurück. Der zweifelhafte Rückzug und die damit verbundene Preisgabe des Kurfürstentums führte dann zu persönlichen Konsequenzen, Gronsfeld wurde in Haft genommen. Der Gegenangriff durch Werth, jetzt kaiserlicher General der Kavallerie, bereinigte diese Situation dann wieder, der eingefallene Gegner zog sich vorerst zurück. Im gesamten Verlauf des Krieges gelang es keinem feindlichen Soldaten den Inn (En) zu überschreiten, dieser Fluss stellte die südöstliche Begrenzung des bayerischen Kriegstheaters dar.
[1] Die Revolte und Desertion Jan von Werths während des Waffenstillstandes von 1647 war erstaunlich. Sein Versuch, die bayerischen Truppen dem Kurfürsten zu entziehen und dem Kaiser zuzuführen, grenzte an Hochverrat. Die Reaktion des bayerischen Kurfürsten überraschte dann ebenfalls, der von den bayerischen Truppen zu leistende Generalseid wurde umformuliert, der Name des Kaisers kam dort nicht mehr zur Erwähnung. Insoweit gab es nur noch einen Dienstherren und somit absolut klare Verhältnisse [Heilmann]. Lokalgeschichtlich interessant, ist der Verlauf der Geschehnisse in deren Entstehung. Der bayerische Kurfürst informierte Werth frühzeitig über seine Absichten gegenüber den Franzosen, kurz darauf instruierte Kaiser Ferdinand den General, die bayerischen Truppen vom Kurfürsten loszusagen und diese mit den kaiserlichen Streitkräften zu vereinen. General Werth versuchte daraufhin die bayerischen Truppen in Marsch zu setzten, diese verweigerten aber den Befehl. Zwischenzeitlich erhielt Maximilian I. Kenntnis über die Vorgänge, er setzte Werth in die Reichsacht und stellte ein Kopfgeld von 10.000 Taler zur Ergreifung des Generals aus. Am 10. Juli 1647 floh General Werth zu Pferd von Villingen im Schwarzwald aus, wohin er die bayerischen Truppen befohlen hatte, nach Böhmen. Seine in Bayern liegenden Güter wurden verwüstet und beschlagnahmt, Werth trat nachfolgend in kaiserliche Dienste ein.
Frieden als oberste Prämisse?
Der Versuch eines Friedensschlusses
Kurfürst Maximilian I. v. Bayern (1573-1651) - 1643. Verfolgte die Umwandlung seiner Lande in ein absolutistisch geprägtes, modernes Staatswesen. Bayern erreichte unter seiner Regierung die dauerhafte Erhebung zum Kurfürstentum, bezahlte dies aber mit menschlichem Leid und vielfacher Not. Seine letzten Lebensjahre widmete er dem Wiederaufbau des kriegsgeschädigten Landes. Portrait: Joachim v. Sandrart (1606-1688), KHM-Wien - ©gemeinfrei Kurfürst Maximilian I. v. Bayern (1573-1651) - 1643. Verfolgte die Umwandlung seiner Lande in ein absolutistisch geprägtes, modernes Staatswesen. Bayern erreichte unter seiner Regierung die dauerhafte Erhebung zum Kurfürstentum, bezahlte dies aber mit menschlichem Leid und vielfacher Not. Seine letzten Lebensjahre widmete er dem Wiederaufbau des kriegsgeschädigten Landes. Portrait: Joachim v. Sandrart (1606-1688), KHM-Wien - ©gemeinfrei
Vabanquespiel
Der bayerische Kurfürst kann als pragmatisch beschrieben werden, er verlor seine Ziele nie aus den Augen und verfolgte diese auch mit einer entsprechenden Härte und Beharrlichkeit. Zahlreiche Ernennungen von Befehlshabern und umfassende Anwerbungen neuer Truppenkontingente verweisen auf die Risikobereitschaft Maximilians I., der in diesem politisch-kriegerischen Reigen einen hohen persönlichen Einsatz wagte und auch konsequent vertrat. Wie schon Niccolò Machiavelli (1469-1527) sinnig überliefert, setzt politische Größe und Macht eine entsprechende Haltung und den Willen zu deren Durchsetzung voraus. Diese klassische Staatslehre war und ist zeitlos und bildet durchaus eine politische Gesetzmäßigkeit, die im Grunde zu einer unweigerlichen Positionierung führt und letztlich eine finale Entscheidung erzwingt! Wird eine solche Entscheidung dann wissentlich verworfen, ist dies der Anfang vom Untergang. Maximilian I. v. Bayern hat diese Zwänge sicherlich verinnerlicht und seine eigenen Schlüsse daraus gezogen, der Erfolg gab ihm Recht. Das politische Verhältnis zum habsburgischen Kaiserhaus war zeitweise von Dissonanzen geprägt, die jeweiligen Positionen und Meinungen divergierten durchaus. Man raufte sich allerdings in der Not zusammen, verfolgte aber nach wie vor unterschiedliche Ziele. Eine engere Abstimmung Kurbayerns mit der spanischen Krone begründete sich wesentlich aus den vorliegenden Meinungsverschiedenheiten zwischen der Katholischen Liga und dem kaiserlichen Generalissimus Albrecht v. Waldstein (Wallenstein). Der spanische Hof betrachtete den Verlauf der kaiserlich-habsburgischen Kriegsführung durchaus argwöhnisch, die Ermordung des Waldsteiners 1634 in Eger durch Soldaten aus dessen Umfeld eröffnete dann einen erweiterten Spielraum zur Koordination militärischer Aktionen. Die dauerhafte Präsenz eines spanischen Botschafters am kurfürstlich bayerischen Hof belegte die Wertschätzung Spaniens gegenüber dem Kurfürsten und dessen Haltung. Ein diplomatisches Ersuchen Spaniens um kurbayerische Militärhilfe auf dem niederländischen Kriegsschauplatz wurde jedoch höflich aber bestimmt abgelehnt.
Die Initiative des bayerischen Kurfürsten von 1647 zur Erreichung eines passablen Waffenstillstandes erbrachte nur einen kurzfristigen Erfolg (Ulmer Waffenstillstand). Unübersehbare schwere Kriegsschäden und ein verheerender Bevölkerungsrückgang in Bayern um 30-40% (!) ließen dann auf ein drohendes Endzeitszenario schließen. Von den 17 Millionen Menschen, die bei Ausbruch des Krieges 1618 in Deutschland gelebt hatten, waren nur noch 6 bis 8 Millionen übrig geblieben. Es waren aber nicht nur die Schweden und Franzosen, also die feindlichen Truppen, die so brutal im Land hausten, die verbündeten kaiserlichen Kriegsvölker (Österreicher, Kroaten, Spanier, Italiener, Burgunder, u.a.), wie auch die bayerische Armee, waren an diesen Verheerungen mehr oder weniger selbst beteiligt. Bei den einfachen Soldaten kam schon früh ein verhängnisvolles Gewohnheitsrecht zur Ausführung: "was die Bevölkerung besaß, gehörte auch den Truppen!". Die kommandierenden Offiziere konnten nicht überall Zucht und Ordnung bewahren, wer keinen Sold erhielt, beschaffte sich anderweitig einen Ausgleich. Trieben es die Marodeure aber zu wild, konnten die Befehlshaber durchaus hart durchgreifen. In vielen Fällen ließ man aber die Truppen gewähren, im Kampfgebiet herrschten dann brutale Verhältnisse. Die Bevölkerung war hier auf Gnade oder Ungnade den einfallenden Truppen ausgeliefert, sofern keine Schutzbriefe oder Schutzwachen diese schirmten (Salva guardia). Es kam ansonsten zum tribulieren, spolieren und brandschatzen.
Der Galgenbaum - die Schrecken des Krieges. Darstellung von Kriegsgräueln nach Jacques Callot (1632) - ©gemeinfrei
Der Galgenbaum - die Schrecken des Krieges.
Darstellung von Kriegsgräueln nach Jacques Callot (1632) - ©gemeinfrei
Soldateska
Ausgeübte Grausamkeiten, Notzüchtigungen und Entehrungen kannten keine Grenzen, die menschliche Niedertracht erreichte ungeahnte Ausmaße. Das Ausreißen oder die Spaltung der Zunge, die Abtrennung von Finger und Ohren, das Ausstechen der Augen, oder das Auflegen von glühenden Kohlen, wurde durch weitere Torturen noch ergänzt. Mit Schießpulver bedeckte/bestückte Opfer wurden in die Luft gesprengt, oder gleich den Flammen übergeben (geröstet). Mit einem aufgesetzten kleinen Kopfrad wurde Betroffenen das Haupt so lange im Kreis bewegt, bis sich dieses vom Korpus löste. Das "Raideln" übertraf dann auch noch diese Marter. Der Kopf wurde mit Stricken umschlungen und diese mit einem Windholz zusammengezogen, die Hirnschale kollabierte - das Gehirn wurde ausgetrieben. Der Schwedentrunk und das Lebendigbegraben ergänzte dann noch das Repertoire. Die diabolische Kreativität der Marodeure bei der Aufspürung und Abpressung von Lösegeld kannte keine Grenzen, wehe dem, der sich hier nicht freikaufen konnte. An Sachgegenständen wurde entweder alles restlos geraubt oder zerstört. Es entwickelte sich hier ein regulärer Markt für geraubte Güter, alles wurde zu Geld gemacht. Kriegszeit war und ist Endzeit!
[Verweis:] Eroberung der Stadt Landsberg im April 1633 durch schwedische Truppen unter dem Befehl von General Lennart Torstensson, späterer Graf von Ortala. In der Stadt und Umgebung kam es nachweislich zu den besagten Exzessen.
Letzte Gefechte
An eine dauerhafte Fortführung der Kampfhandlungen war trotz anfänglicher kleinerer Erfolge dann nicht mehr zu denken, die 1648 noch einmal aufflammenden Kämpfe verfestigten nur noch die jeweiligen Verhandlungspositionen (Schlacht bei Dachau). Der Westfälische Friede beendete dann den Dreißigjährigen Krieg und den Achtzigjährigen Unabhängigkeitskrieg der Niederlande, in Deutschland gab es nach offizieller Lesart allerdings keine Sieger und keine Besiegten. Für das Kurfürstentum Bayern fiel die Bilanz dennoch verheerend aus, die Bevölkerung hatte sich nahezu halbiert, von 5.000 Orten waren 900 den Flammen zum Opfer gefallen, 700 Städte und Dörfer zerstört. Im benachbarten Reichskreis Schwaben waren die Verhältnisse ähnlich gelagert, wer die Verheerungen glücklich überlebt hatte fiel dann oft den Seuchen zum Opfer (Pest, Ruhr, Typhus, gelbes Fieber, Blattern, ungarisches Fieber, Krätze und Wassersucht). Die von Seuchen betroffenen Dörfer und Städte wurden "in Bann getan", niemand kam mehr heraus oder herein (Bannmeile). Eine brachiale Entvölkerung ohnegleichen, die fleischgewordene Höllenmaschine hinterließ hier ein weites Leichenfeld. In Deutschland hatte sich der Mensch nun gänzlich in seinem Toben erschöpft, der Frieden zog aber nicht überall ein. Spanien sah sich gegenüber dem französischen Hauptfeind zu keinem Entgegenkommen bereit, die spanisch-französischen Kämpfe zogen sich dann noch bis 1658 hin. Interessanterweise setzten sich die Kämpfe in Italien ebenfalls fort, dort sprach man von einem vierzigjährigen Krieg. Das Kurfürstentum Brandenburg war nachfolgend in den Nordischen Kriegen stark engagiert und eroberte bis 1678 die schwedischen Gebiete in Pommern. Im Frieden von St.-Germain (1679) durch Kaiser Leopold schroff brüskiert, schloss sich Brandenburg dann Frankreich an. In der brandenburgischen Frage um Pommern leistete sich die Habsburger Dynastie einen politischen Fauxpas, der noch zu spürbaren Konsequenzen führen sollte...
Die Last des Friedens
Für Süddeutschland, genauer den Schwäbischen Reichskreis, war der Friedensschluss von Osnabrück (1648, Schweden) mit erheblichen finanziellen Lasten verbunden, dieser wurde als Zahlungsbezirk für die Stationierungs- und Abdankungskosten vierzehn schwedischer Regimenter bestimmt [1].
Die kreisausschreibenden Fürsten und Kreisobersten wurden mit dem Vollzug dieser Vereinbarung beauftragt [2], im August 1650 zogen dann die letzten fremden Truppen aus dem Kreisgebiet ab.
[1] Art. XVI § 9 ff. IPO (Instrumenta Pacis Westphalicae)
[2] Art. XVI § 2 IPO (Instrumenta Pacis Westphalicae)
Randnotiz: In Bezug auf die kriegerischen Konflikte des Reiches errichtete der Schwäbische Reichskreis im Rahmen der Reichsexekutionsordnung in den Türkenkriegen der Jahre 1531, 1542, und 1594/98, anlässlich der Grumbachschen Händel im Jahre 1565 und schließlich noch 1622 im Dreißigjährigen Krieg eigene Truppeneinheiten.
Papst Innozenz X. (1574-1655), Gemälde von Diego Velázquez - Galleria Doria Pamphilj Rom - ©gemeinfrei Papst Innozenz X. (1574-1655), Gemälde von Diego Velázquez - Galleria Doria Pamphilj Rom - ©gemeinfrei
Eine interessante Reaktion zum Ende des Dreißigjährigen Krieges erfolgte noch vom damaligen Papst Innozenz X., dieser lehnte die religiösen Festlegungen des Vertrags zum Westfälischen Frieden kategorisch ab. Verständlicherweise bezog die päpstliche Kurie hier eine Gegenposition, da mit diesem Friedensschluss die kirchlichen Rechte der katholischen Kirche aus ihrer Sicht verletzt wurden. In der päpstlichen Breve "Zelo domus Dei" vom 26. November 1648 wurde dann auch eine entschiedene Position bezogen und offiziell erklärt: "kraft Apostolischer Machtvollkommenheit den Artikel des Westfälischen Friedens für nichtig, ungültig, unbillig, ungerecht, verdammt, verworfen, vergeblich, der Kräfte und Erfolge entbehrend für alle Zukunft, niemand sei zu ihrer Einhaltung verpflichtet." [Michael F. Feldkamp, Das Breve "Zelo domus Dei", ...] Papst Innozenz X. war ein Machtpolitiker, der im Kontext dieser Zeit auch eine entsprechende Härte an den Tag legen konnte. Der Einsatz kriegerischer Mittel war diesem nicht unbekannt, die näheren Umstände seines Todes sind durchaus ungewöhnlich...
Weitere Info:
WEB: Bayern und der Dreißigjährige Krieg - Univ. Regensburg - Staatsexamensthemen aus der bayerischen Geschichte SS 07. Johanna Axmann, Martina Haller (Übung) - [DOC, 30 KB] [Pdf, 90 KB]
WEB: Die Welt der Habsburger - Dreißigjähriger Krieg 1618-48
WEB-Link: Der Dreißigjährige Krieg
WEB: Der Kopf war zerschmettert, das Gehirn zerspritzt; Die Welt - Artikel zum Dreißigjährigen Krieg. [Pdf, 221 KB]

Quelle: Bayern im Dreißigjährigen Krieg, die Schweden zwischen Lech und Isar;
Alex und Volker Buchner; Verlagsanstalt Bayernland Dachau.
Quelle: Ehrenberg - Geschichte und Geschichten - Lipp Richard, Museumsverein des Bezirkes Reutte/Tirol.
New Model Army (1645-1660)
Die englische Parlamentsarmee
Oliver Cromwell (1599–1658), von Samuel Cooper - ©gemeinfrei. Lordprotektor von England, Schottland und Irland. Nach der symbolischen Hinrichtung der Leichname von Oliver Cromwell, Henry Ireton und John Bradshaw 1661 wurden deren Köpfe auf drei langen Stangen zur Schau gestellt. Oliver Cromwell (1599–1658), von Samuel Cooper - ©gemeinfrei. Lordprotektor von England, Schottland und Irland. Nach der symbolischen Hinrichtung der Leichname von Oliver Cromwell, Henry Ireton und John Bradshaw 1661 wurden deren Köpfe auf drei langen Stangen zur Schau gestellt.
Eine sehr interessante Entwicklung fand während des Ausgangs des Dreißigjährigen Krieges in England statt. In den Englischen Bürgerkriegen formierte das dortige Parlament ein Heer, das mit den bisherigen Traditionen der feudalistisch geprägten Heere Europas vollständig brach und neue Wege einschlug. Nicht die aristokratische Anciennität, sondern ein hartes und gerechtes Leistungsprinzip bildete den Kern dieses neuen Heeres [1]. Oliver Cromwell definierte die Ansprüche an das Parlamentsheer wie folgt: "Was wir brauchen, sind neue Regimenter. Der Grund, warum unsere Truppen nicht standgehalten haben, ist, dass es ihnen an Kampfgeist gemangelt hat. Ihr müsst Leute von feurigem Eifer zusammenbringen, von einem Eifer, der bis zum letzten geht, oder ihr werdet immer wieder geschlagen werden - dessen bin ich gewiss." Nach 1644/45 setzte sich diese Armee erbarmungslos durch, in der die Kommandogewalt ohne Rücksicht auf die soziale Rangfolge vergeben wurde (Verdienst, Fähigkeit). Auch hier äußerte sich Cromwell eindeutig: "Ich beschwöre Euch, passt gut auf, wen Ihr zu Reiterhauptleuten macht. Sucht anständige Männer aus und anständige Männer werden Ihnen folgen." Als geistige Klammer diente hier der Glauben, ein religiös verstandenes Bündnis zwischen Mannschaften und Offizieren, der einen allgegenwärtigen Korpsgeist und eine eisenharte Kampfmoral hervorbrachte. Diese Truppen kämpften aus religiöser Überzeugung, im katholischen Irland hinterließ die protestantische New Model Army dann eine Einöde (An Mallacht Cromail - "Der Fluch von Cromwell", 1649-53).
[1] T. H. FIRTH, Cromwells Army. London 1902.
Standarte Oliver Cromwells als Lordprotektor mit den Symbolen der drei Reichsteile England, Schottland und Irland - ©GNU Trajan Standarte Oliver Cromwells als Lordprotektor mit den Symbolen der drei Reichsteile England, Schottland und Irland - ©GNU Trajan
Die Infanterie der New Model Army bestand zu über zwei Dritteln (!) aus Musketenschützen, auch hier bildete die verstärkte Feuerkraft der Musketen den Kern der Infanterie. Das letzte Drittel setzte sich aus Pikenieren zusammen, die einen visierlosen Helm und einen Brustpanzer benutzten, verbreitet aber auch auf einen langen Lederkoller zurückgriffen ("buff coat"). Bei der Kavallerie wurden Kürassiere, Arkebusierreiter und ein Regiment Dragoner eingesetzt, auch hier kam die Kombination von visierlosem Helm (Zischägge, Lobster Tail Helmet) und Brustpanzer (Küriß) zum Einsatz. Diese mit zeitgemäßer Ausrüstung aufgestellte, sowie nach neuen taktischen Grundsätzen ausgebildete, Armee operierte sehr erfolgreich, wurde aber nach der Restauration des englischen Königshauses 1660 sofort aufgelöst. Sie stellte für dieses eine Gefahr dar, das dort gelebte Modell passte schlecht zur Monarchie und deren aristokratischer Günstlingswirtschaft (Nepotismus).
In abgewandelter Form tritt uns dieses Leistungsprinzip dann später wieder entgegen, die Kontinentalarmee des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges (aktiv: 1775-1784), sowie die Massenaufgebote der Französischen Republik - "Levée en masse", ermöglichten wieder den generellen Leistungsaufstieg für das Bürgertum. Entweder aus der Not geboren, oder in weiser Voraussicht - republikanisch geprägte Staatsformen waren hier "Per se" dazu verpflichtet ein Gegenmodell zur Monarchie zu entwickeln! [Interner Link: Republikanischer Soldat]
Das Luntenschlossgewehr
Vorläufer: Schwammschlossgewehr (um 1420, Feuer-/Holzschwamm).
Nachfolger: Schnapphahn-/Steinschlossgewehr (um 1720 allgemein verbreitet)
Luntenschlossgewehr aus der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts (Dragoner) - ©WGM Rastatt - Führer durch das Historische Museum Schloss Rastatt - 1960, Band I.
Luntenschlossgewehr - Anfang des 17. Jahrhunderts (Dragoner),
Quelle: Johann Jakob v. Wallhausen, 1615
©WGM Rastatt - Führer durch das Historische Museum Schloss Rastatt - 1960, Band I.
Niederländischer Arkebusier mit Helm (1608) - Jacob de Gheyn II (um 1565-1629) - Werk: Wapenhandelingen van Roers, Musquetten ende Spiesen (Tafel 4) - ©gemeinfrei. Das dargestellte Gewehr ist eine Arkebuse. Die 16 Pfund schwere Muskete konnte nur mit einem Setzstock abgefeuert werden, der auf diesem Bild somit nicht aufgeführt wurde. Munition: um die 12 Ladungen, bis zu 30 Kugeln, Pulverflasche, Pfannenpulver (kleine Flasche), Luntenvorrat. Niederländischer Arkebusier mit Helm (1608) - Jacob de Gheyn II (um 1565-1629) - Werk: Wapenhandelingen van Roers, Musquetten ende Spiesen (Tafel 4) - ©gemeinfrei. Das dargestellte Gewehr ist eine Arkebuse. Die 16 Pfund schwere Muskete konnte nur mit einem Setzstock abgefeuert werden, der auf diesem Bild somit nicht aufgeführt wurde. Munition: um die 12 Ladungen, bis zu 30 Kugeln, Pulverflasche, Pfannenpulver (kleine Flasche), Luntenvorrat.
Mit der Entwicklung, oder eher den Anfängen, des Luntenschlossgewehres (Arkebuse, Muskete) in der 1. Hälfte des 15. Jhdts. war es dem Schützen erstmals möglich, sich ganz auf ein mögliches Ziel zu konzentrieren und die Waffe mit einer einfachen Handbewegung abzufeuern. Erst mit dieser technischen Innovation war es möglich geworden, den massierten Einsatz von Feuerwaffen auf dem Schlachtfeld zu etablieren. Eine robuste mechanische Konstruktion des Luntenschlosses mit maximal fünf einfachen Teilen garantierte eine verlässliche Funktion im Feld.
 
Als Arkebuse (Halbhaken) wurde die leichtere Ausführung des Luntenschlossgewehres bezeichnet (Hilfswaffe), die schwerere Muskete (Haken) besaß ein größeres Kaliber und musste zur Schussabgabe auf einem Setzstock mit Gabel (Zwille) aufgelegt werden (Hauptwaffe, Träger des Gefechts). Der Begriff Musketier leitete sich aus dem spanischen Wort Muchetus (Sperber) ab und bezog sich auf die geschwungene S-Form des Hahns vieler Luntenschlossmusketen.
 
Die Muskete kann somit sinngemäß eher als Nachfolger des Hakens mit einem damals dreibeinigen Schussgestell (Zeugbücher Maximilians, 1502/14) [Link] angesehen werden. Technische Daten des ersten spanischen Musketentyps: fünfzehn Pfund schwer, 180 cm lang (mannshoch), zwei Mann Bedienung, zwei Unzen Geschoss (etwa 57 gramm), auf 80 m Distanz wurde "jeder" Brustpanzer durchschlagen, auf 300 m noch ein Pferd getötet. Dieser neue Musketentyp mit Setzstock wurde dann 1521 im spanischen Heer vom Herzog v. Alba allgemein eingeführt. Der durchschlagende Erfolg der spanischen Infanterie gegen die Eidgenössischen Gewalthaufen in den Italienkriegen beruhte maßgeblich auf dem verstärkten Einsatz von Handfeuerwaffen.
Musketier - 1. Viertel 17. Jhdt. - nach der Kriegsverfassung des Markgrafen Georg Friedrich v. Baden-Durlach. Die Luntenschloss-Muskete ruht vorbildgerecht in der Gabel des Setzstockes, Luntenführung entsprechend dem Reglement. Bild: ©WGM-Rastatt - Führer durch das Historische Museum Schloss Rastatt - 1960, Band I. Musketier - 1. Viertel 17. Jhdt. - nach der Kriegsverfassung des Markgrafen Georg Friedrich v. Baden-Durlach. Die Luntenschloss-Muskete ruht vorbildgerecht in der Gabel des Setzstockes, Luntenführung entsprechend dem Reglement. Bild: ©WGM-Rastatt - Führer durch das Historische Museum Schloss Rastatt - 1960, Band I.
Meyers Konversationslexikon - Vierte Auflage, 1885-1892
S. 939 ff [retro bib]: Muskēte (franz. Mousquet, vom mittellat. muscetus, "Sperber"), ein Luntenschloßgewehr der Infanterie, kam 1519 durch Karl V. nach Deutschland, um die unbehilfliche Hakenbüchse mit ihrem dreibeinigen Gestell zum Abfeuern durch ein Gewehr zu ersetzen, welches die inzwischen stärker gewordenen Brustharnische zu durchschießen vermochte, das anfangs bei 240 m Tragweite 70, dann 50, im 17. Jahrh. 40 und später 30-40 g schwere Kugeln schoß. Wegen der Schwere der M. von 9-10 kg war der Mann zum Tragen derselben nicht nur mit einem Kissen auf der Schulter, sondern auch mit einer Musketengabel zum Auflegen beim Feuern versehen. Die damit bewaffneten Leute hießen Musketiere. Unter Karl V. waren bei jeder Fahne Landsknechte zehn derselben, die immer an der Spitze marschierten. Bald neben den Pikenieren in allen Heeren eingeführt, stieg ihre Zahl nach und nach immer mehr. Gustav Adolf erleichterte die Musketen, machte dadurch die Gabeln entbehrlich und brachte es durch häufige Übung seiner Musketiere dahin, daß sie auf Kommando in Gliedern feuern und auf der Stelle wieder laden lernten, während die deutschen Musketiere nach abgegebenem Feuer hinter die Fronte ihrer Abteilung liefen, um dort wieder zu laden. [Hakenbüchse auf Hilfslafette]
Die Niederlande
Fürst Moritz v. Oranien (1567-1625) setzte im niederländischen Heer das Gewicht der Arkebuse dann mit 10 Pfund, der Muskete mit 16 Pfund fest. Interessanterweise sollte die Muskete 10, der (Halb-) Haken - die Arkebuse - 20 Kugeln auf das Pfund schießen. Die Arkebuse/Muskete dieser Zeit wurde dann nur noch von einem Mann bedient, der nun bis zu 45 Kommandos blind beherrschen musste. Eine Grundlage für die systematische Ausbildung der Soldaten im Gebrauch des Luntenschlossgewehres bildete hier das von den französischen Hugenotten entwickelte System de la Noues! [1] König Gustav II. Adolf v. Schweden reduzierte dann das Gewicht der Muskete auf 10 Pfund, mit einem Kaliber von circa 18,35 mm und 2-lötiger Kugel. Der bis dahin gebräuchliche Setzstock mit Gabel wurde in der schwedischen Armee dann beseitigt, die Verschmelzung der Arkebuse mit der nun leichteren Muskete vollzogen. Im Grunde sprechen wir nach dem Dreißigjährigen Krieg nur noch von der Muskete.
[1] G. OESTREICH; "Graf Johanns VII. Verteidigungsbuch für Nassau-Dillenburg 1595. Der Unterschied der nassauischen von der oranischen Staats- und Wehridee"; Nassauische Annalen, LXIX (1958) 146.
Neue Taktiken
Die sich daraus entwickelnden Gefechtsformationen lösten die schwerfälligen Pikenier-Gevierthaufen ab und schufen neue, kleine und für diese Zeit außerordentlich mobile Truppenkörper. Zugleich waren diese am Spieß und Gewehr gut ausexerziert, die taktischen Elementarbewegungen wie Wendungen, Schwenkungen, Verdoppelte Linie und Kontremarsch sicher abrufbar. Eine Vereinheitlichung erfuhr die Kommandosprache, Disziplin, Schanzarbeit, Truppenorganisation, Führungshierarchie, Marsch-, Schlacht- und Lagerordnung, und die Kriegsartikel.
 
Das rollierende Massenfeuer der mit einem glatten Lauf ausgerüsteten und noch mit einer ungenauen Schusspräzision versehenen Luntenschlossgewehre reichte schon jetzt aus, um große Lücken in die Reihen des Gegners zu reißen. Ein mittleres Laufkaliber von 19 mm erzeugte zusammen mit einem langsam fliegenden Geschoss eine verheerende kinetische Energie, die sich dann im menschlichen Körper mit drastischen Folgen entlud. Es benötigt wenig Sachkenntnis um nachvollziehen zu können, welche mörderische Wirkung ein solches Geschoss in einem ungeschützten Körper entfalten konnte, da dieses seiner Bestimmung nach einen Brustpanzer durchschlagen sollte (Zielballistik). Das Geschoss riss hier zudem auch Bestandteile der Kleidung mit in den Schusskanal. Sofern der Getroffene den Einschlag vor Ort glücklich überlebte, führte dann oft eine Wundinfektion mit finaler Entzündung zum Tod. Das Reinigen der Schusswunde war hier von entscheidender Bedeutung, der Wundbrand und Wundstarrkrampf allgegenwärtig.
Moderne Schussversuche auf Gelatineblöcke mit Stoffbespannung bestätigten die beschriebene Wirkung dieser Geschosse, die einen doppelt so großen Schusskrater wie das Laufkaliber hinterließen und im realen Einsatz zu massiven Zertrümmerungen im betroffenen Körperbereich führten (zumeist Steckschuss, seltener Durchschuss). Mitgerissene Stoffpartikel und Verunreinigungen entlang des gesamten Schusskanals belegen die Gefahr von schweren Infektionsverläufen. Die Geschossenergie einer Bleikugel setzt sich nahezu vollständig im Körper um (Steckschuss, vergleichbar Deformationsgeschoss), während ein heutiges Infanterie-Vollmantelgeschoss (full metal jacket bullet) diesen auf größere Distanz durchschlägt und nur anteilig seine höhere Energie dort zur Wirkung bringen kann. Ein entscheidender Punkt für die Beurteilung historischer und moderner Feuerwaffen und deren Wirkung im Ziel. Vergleichbare Schussversuche wurden vom spanischen Armeemuseum durchgeführt (Museo del Ejército), auf eine Distanz von 90 m wurde eine 3-5 kg schwere Brustplatte durchschlagen (Pikenierharnisch, Hecht).
Portrait: Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1621-1676) - Soldat, Amtsschreiber, Schriftsteller - von Marcus Bloß, 1641 - Authentizität nicht geklärt - ©gemeinfrei Portrait: Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1621-1676) - Soldat, Amtsschreiber, Schriftsteller - von Marcus Bloß, 1641 - Authentizität nicht geklärt - ©gemeinfrei
Musketier und Pikenier
Ein überliefertes Zitat von Grimmelshausen (1622-1676) in seinem Simplicissimus lässt die Wertigkeit des Musketiers in einem bezeichnenden Licht erscheinen: "Ein Musketier ist zwar eine wohlgeplagte, arme Kreatur, aber er lebt in herrlicher Glückseligkeit gegen einen elenden Pikenier. Es ist verdrießlich daran zu denken, was die guten Tröpfe für Ungemach ausstehen müssen und ich meine, wer einen Pikenier niedermacht, den er verschonen könnte, der ermordet einen Unschuldigen und kann solchen Totschlag nimmer verantworten. Denn obgleich diese armen Schiebochsen kreirt sind, ihre Brigaden vor dem Einhauen der Reiter im freien Feld zu schützen, so thun sie doch für sich selbst niemand ein leid, und dem geschieht ganz recht, der ja einen von ihnen in seinen langen Spieß rennt. In Summa, ich habe mein Lebtag viel scharfe Aktionen gesehen, aber selten wahrgenommen, dass ein Pikenier einen umgebracht hätte."
Ein weiterer Zeitgenosse, Neumair von Ramßla, überliefert 1630: "Die langen Spieße sind mehr eine Schwächung des Krieges als dessen Nerv. Die Rohr armieren die langen Spieß." [Jähn]. Der Gerechtigkeit halber sollte aber festgestellt werden, dass der Musketier erhebliche Aufwände meistern musste, um seine Waffe schussbereit zu halten. Der Regen machte hier dann alle Bemühungen zunichte, die Muskete war nun wertlos! Das spätere französische Spundbajonett leitete hier dann eine weitreichende Entwicklung ein, das Gewehr wandelte sich in seiner ergänzenden Zweitanwendung zu einer Stoßwaffe.
Darstellung eines deutschen Arkebusiers um 1600 mit Morion (Helm) - Jacob de Gheyn II (um 1565-1629) - Officiers et soldats de la garde de l'empereur Rodolphe II - ©gemeinfrei. Unter Kaiser Rudolf II. v. Habsburg (1552-1612) trat eine Reichskrise ein, der untätige Herrscher wurde von der Habsburger Dynastie faktisch abgesetzt. Darstellung eines deutschen Arkebusiers um 1600 mit Morion (Helm) - Jacob de Gheyn II (um 1565-1629) - Officiers et soldats de la garde de l'empereur Rodolphe II - ©gemeinfrei. Unter Kaiser Rudolf II. v. Habsburg (1552-1612) trat eine Reichskrise ein, der untätige Herrscher wurde von der Habsburger Dynastie faktisch abgesetzt.
Spezialist, oder schon Elite-/Berufssoldat?
Der Gewehrträger dieser Zeit war ein gedrillter Spezialist (Arkebusier, Musketier), das niederländische Reglement aus dem Jahr 1596 - veröffentlicht 1607 und Moritz v. Oranien gewidmet - bildet die Handhabung zum Laden und Abfeuern des leichten Feuerrohres - der Arkebuse - auf 42 Tafeln und der Muskete auf 43 Tafeln detailliert ab. Für die Arkebuse und Muskete können 45 Kommandos und 30 bis 33 Hauptbewegungen (Tempos) angesetzt werden (de Gheyn), die wiederum in 143 Einzelbewegungen zerfielen (v. Wallhausen). Dieser komplizierte Ablauf setzte einen erfahrenen und im Gefecht kaltblütigen Berufssoldaten voraus, der in der Regel ein bis zwei Schüsse pro Minute abgeben konnte.
 
Die Kunst lag nun darin diese Ladezeit zu verkürzen, um die erforderliche Formationstiefe reduzieren zu können. So ließ sich dann die lineare Breite der Gefechtsfront erhöhen, es kamen mehr Gewehre zum Einsatz. Dem schwedischen König Gustav II. Adolf gelang es dann mit der Einführung der "Papierpatrone" bei der Infanterie eine deutliche Erhöhung der Schussfolge zu erreichen. Von vormals 10 Gliedern Formationstiefe der Niederländer reichten den Schweden nun 6 Glieder aus, um ein beständiges Gewehrfeuer abgeben zu können. In der Schlacht bei Breitenfeld setzten die Schweden erstmals auch ein dreigliedriges Salvenfeuer ein (massiver Feuerschlag), das erste Glied kniete hier bereits in Feuerstellung, die nächsten zwei Glieder standen auf Lücke. Nach der Salvenabgabe wurden die hinteren drei schussbereiten Glieder durch Conversion/Enfilade nach vorne in die Feuerlinie gebracht. Zusätzliche Avancier-/Retirierbewegungen der Formation kamen hier dann noch erschwerend hinzu. Ein gnadenloser Drill, die Dressur, und ein andauerndes "geschwinde, geschwinde, geschwinde" brachte hier die Ladestöcke sprichwörtlich zum Fliegen. Eine weitere Innovation stellte auch das Radschloss dar, dieser komplexe Typ kam überwiegend bei der Reiterei zum Einsatz. Das Radschloss hat das Luntenschloss allerdings nicht ersetzt, dies muss so festgehalten werden!
Weitere Info:
WEB: Ausrüstung und Bewaffnung - Spätrenaissance bis zum 30-jährigen Krieg
Peter Engerisser: Ausrüstung und Bewaffnung von der Spätrenaissance bis zu den Armeen des Dreißigjährigen Krieges. URL: http://www.engerisser.de/Bewaffnung/Bewaffnung.html
Adobe  Kalibertabellen und -abmessungen für Feuerwaffen von 1600 bis 1650 - (Pdf, 168 KB)
Peter Engerisser: Ausrüstung und Bewaffnung der Armeen des Dreißigjährigen Krieges. URL: http://www.engerisser.de/Bewaffnung/Kaliber.html
icon jpg  Luntenschloss - 2. Hälfte 17. Jhdt. (50 KB)
icon jpg  Radschloss - 2. Hälfte 17. Jhdt. (50 KB)
Emder Rüstkammer - ©Ostfriesisches Landesmuseum Emden Emder Rüstkammer - ©Ostfriesisches Landesmuseum Emden
Eine der besterhaltenen und in ihrer thematischen Geschlossenheit nahezu einzigartigen Waffensammlung dieser Epoche im norddeutschen Raum dürfte sicherlich die Emder Rüstkammer des Ostfriesischen Landesmuseums darstellen. Keine Prunkrüstungen des Adels oder Patriziats, sondern Kriegsrüstungen der Emder Bürgerkompanien können dort besichtigt werden. Die Dauerausstellung präsentiert umfassend das breite Spektrum der im 16./17. Jahrhundert eingesetzten Waffen- und Rüstungstechnik. Hervorragend aufbereitete Sammlungsräume vermitteln dem Besucher einen umfassenden Einblick in diese einst so kriegerische Zeit. Insbesondere die dortigen Luntenschlossgewehre und Radschlosswaffen spiegeln den technischen Stand der damaligen Waffenhandwerker sehr gut wieder (u.a. Suhl, Niederlande). Letztlich stellte das Luntenschloss für rund zweihundert Jahre das beherrschende Zündsystem in Europa dar, in Japan noch deutlich länger. Die weltweit größte historische Waffenkammer mit 32.000 Exponaten aus vier Jahrhunderten stellt dann das Landeszeughaus Graz - Universalmuseum Joanneum - in Österreich dar, der dortige Bestand wird in originalen Räumen und Regalen dargestellt (17. Jhdt.)! Das Landeszeughaus Graz präsentiert sich überwiegend noch im baulichen Zustand seiner Errichtung (1642-44), es galt damals als wichtigstes Waffendepot im Südosten des Habsburgischen Reiches.
WEB: Ostfriesisches Landesmuseum Emden (Rüstkammer)
WEB: Landeszeughaus Graz - Universalmuseum Joanneum
Landeszeughaus - Die historische Waffenkammer - ©Universalmuseum Joanneum Graz (Österreich); ISBN 978-3-90209-567-1. Handwerkliche Zeugnisse aus dem Süden des Reiches und der Erblande für den harten Truppeneinsatz. Kein Prunk, sondern rationale Effizienz und Wirkung auf dem Schlachtfeld bestimmte hier die waffentechnische Ausführung des Rüstzeuges. Realistischer und unverstellter Blick in die Welt des damaligen Kriegshandwerks. Landeszeughaus - Die historische Waffenkammer - ©Universalmuseum Joanneum Graz (Österreich); ISBN 978-3-90209-567-1. Handwerkliche Zeugnisse aus dem Süden des Reiches und der Erblande für den harten Truppeneinsatz. Kein Prunk, sondern rationale Effizienz und Wirkung auf dem Schlachtfeld bestimmte hier die waffentechnische Ausführung des Rüstzeuges. Realistischer und unverstellter Blick in die Welt des damaligen Kriegshandwerks.
Panzerung versus Feuerwaffen
Die Weiterentwicklung des Harnischs orientierte sich notgedrungen an der steigenden Fähigkeit der Feuerwaffen diesen zu durchdringen. Dicke und Gewicht der Panzerung wuchs permanent an, bis dann das Ende einer noch sinnvollen Anwendung erreicht wurde (40 kg Gewicht). Eine Rückbesinnung auf verbesserte Beweglichkeit kehrte diese Entwicklung dann um, leichtere und auf wesentliche Körperzonen abgestimmte Harnische traten nun als Massenware auf. Die Vereinfachung der Panzerung lässt sich wie folgt ableiten: a) Ritterlicher Vollharnisch - gotischer Plattenpanzer, geschlossener Helm; b) Trabharnisch, schwerer Harnisch auch Dreiviertel Harnisch - ohne Beinzeug, geschlossener oder offener Helm; c) Halber Harnisch oder Knechtischer Harnisch - ohne Bein- und Armzeug, eher offener Helm; d) Kürass - nur Brustpanzer, Vorder- und Rückenteil, offener Helm oder Hut mit Metallbügelverstärkung. Der Kürass bildete dann bei der schweren Reiterei das letzte Überbleibsel einer Panzerung. Bei der Infanterie war der leichtere und billigere Pikenierharnisch in der Ausführung als knechtischer Harnisch mit Hut, Hirnhaube, Burgunder-/Birnhelm oder Morion allgemein verbreitet (Landsknechte) - span. coselete/corselet Pikenier [Bild]. Technische Ausführung der Harnische: Stahl, gehärtet und blank oder weich und geschwärzt (seit 1550). Auf Grund einer starken Rostanfälligkeit bei weichen, nicht gehärteten Harnischen wurden 1573 Bestrebungen unternommen, die als Unsitte bezeichnete Schwärzung solcher Billigharnische im ganzen Reich zu unterbinden. Entsprechende Stempel-/Beschussmarken wurden als Qualitätsmerkmal an den Harnischen angebracht, besagte Billigware und ein zwielichtiger Handel war allerdings verbreitet. Dies gilt auch für den Bereich der Blankwaffen.
Waren unsere Altvorderen Hobbits?
Dieser etwas überspitzte Einstieg nähert sich einer wissenschaftlich fassbaren Erscheinung im Rahmen der menschlichen Evolution. Unter Berücksichtigung der Lebensumstände damaliger Generationen lassen sich an menschlichen Überresten (Skelette) und an überlieferten Gegenständen des öffentlichen Lebens, wie zum Beispiel Kleidungsstücken, Rüstungen, Waffen und ferner Möbel und Häuser, wichtige Rückschlüsse auf die Entwicklung der Körpergröße der Bevölkerung ableiten. Empirische Studien verweisen darauf, dass seit dem 12. Jhdt. ein kontinuierlicher Rückgang der menschlichen Körpergröße stattgefunden hat. Repräsentierte der mittelalterliche Mensch noch eine durchschnittliche Körpergröße von 1,73 m, nahm diese zwischen dem 12. und 16. Jhdt. von Generation zu Generation in einer noch leicht verlaufenden Abwärtstendenz ab, um dann im 17. und 18. Jhdt. einen Tiefpunkt von 1,67 m zu erreichen. Als beeinflussende Faktoren für diese Entwicklung können unterschiedlichste Ereignisse wie Klimawandel, Krankheiten und Seuchen, kriegerische Konflikte, Verstädterung sowie politische wie agrartechnische Veränderungsprozesse herangezogen werden. Bekanntlich beeinflusste eine Kleine Eiszeit zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert die klimatischen Bedingungen in Mittel- und Nordeuropa maßgeblich. Beispielhaft kann der erschwerte Schiffsverkehr nach Island und Grönland angeführt werden, die einbrechende Kälteperiode sorgte für einen stärkeren Eisgang. Wenn wir dann heute als Besucher von Museen und Ausstellungen körperbezogene Realien und andere Gerätschaften aus vergangenen Zeiten betrachten, spiegeln sich in diesen auch immer die jeweiligen Lebensumstände dieser Epochen wieder. Insoweit erklärt sich auch die von uns heute feststellbare Kleinheit damaliger Harnische. "Rückschlüsse auf Hobbits aus dem Auenland in Mittelerde haben sich nicht bestätigt ..." [Quelle: Kurzführer - Emder Rüstkammer]
Armin König - Radschlosspistole Suhl 1640 mit kurzem Lauf - Replika (Jpeg, 310 KB) - keine Werbung! - Bild: ©Kunst & Handwerk - www.engerisser.de - Die Antwerper- und Maastricht-Originale um 1620/1650 in der Emder Rüstkammer weisen einen längeren Lauf auf (Gesamtlänge bis 85 cm). Fälschlicherweise werden die Kürassiere (Corazzen) vielfach mit den Arkebusierreitern (Gewehr am Bandelier) verwechselt! Armin König - Radschlosspistole Suhl 1640 mit kurzem Lauf - Replika (Jpeg, 310 KB) - keine Werbung! - Bild: ©Kunst & Handwerk - www.engerisser.de - Die Antwerper- und Maastricht-Originale um 1620/1650 in der Emder Rüstkammer weisen einen längeren Lauf auf (Gesamtlänge bis 85 cm). Fälschlicherweise werden die Kürassiere (Corazzen) vielfach mit den Arkebusierreitern (Gewehr am Bandelier) verwechselt!
Die Radschlosspistole verdrängt die Lanze
Der Wandel der schweren Reiterei lässt sich mit dem Verzicht auf die tradierte Hauptwaffe - der Lanze - ohne weiteres verbinden. Die Radschlosspistole im Sattel-Holster ersetzte diese im einleitenden Gefecht, der nachfolgende Schockangriff mit der blanken Waffe dominierte dann den effektiven Einsatz der Reiterei nach schwedischer Manier. Die Arkebusierreiter (Bandelierreiter) mussten sich hier dann den geänderten taktischen Vorgaben anpassen, das Reitergefecht beschleunigte sich nun erheblich. Aufwendige Manöver (Caracolieren) waren seit dem Eintreffen von Gustav II. Adolf v. Schweden auf dem Kriegsschauplatz nicht mehr opportun, man wurde hier dann sprichwörtlich überrollt. Der klassische Reiterangriff der Schweden sah nun in der ersten Gefechtslinie den Gebrauch der Radschlosspistolen vor, danach folgte die Masse mit gezogenem Rapier (Degen).
 
Interessanterweise werden in der Literatur zum Dreißigjährigen Krieg gepanzerte Gewehrträger als Kürassiere (Corazzen) angesprochen, es handelt sich hier aber um Arkebusierreiter (Bandelierreiter). Ein kleiner, aber wichtiger Unterschied. Johann Jacob v. Wallhausen differenziert in seinem Reitertraktat von 1616 [1] diesen Sachverhalt sehr genau. Seine Darstellung weist den klassischen Lanzenreiter und den Corazzen-Reiter mit Radschlosspistole der schweren Kavallerie zu, der ebenfalls noch gepanzerte Arkebusierreiter (Bandelierreiter = Gewehr am Bandelier) bildete die leichte Kavallerie. Der Dragoner wurde zwar als Kavallerist dargestellt, in seiner taktischen Rolle aber noch als Infanterist angesprochen. Dies gilt es doch zu beachten.
[1] Johann Jacob v. Wallhausen: "Kriegskunst zu Pferdt. Darinnen gelehrt werden die initia und fundamenta der Cavallerie, aller vier Theylen: als Lantzierers, Kührissieriers, Carabiners und Dragoons, was von einem jeden Theyl erfordert wird, was sie prästiren können sampt deren exercitien. Newe schöne Invetionen etlicher batailen mit der Cavallery ins Werk zu stellen. Mit dargestellten Beweistumpen, was an den edlen Kriegskunsten gelegen und deren Fürtrefflichkeiten uber alle Kunst und Wissenschaften, erschienen 1616 in Frankfurt am Main (2. Auflage bereits 1634 ebenda)."
Pappenheim Kürassiere beim Abfeuern der Radschlosspistolen - Dreißigjähriger Krieg -
Quelle: The Vinkhuijzen Collection of Military Costume Illustration, 19. Jhdt. - ©gemeinfrei Pappenheim Kürassiere beim Abfeuern der Radschlosspistolen - Dreißigjähriger Krieg - Quelle: The Vinkhuijzen Collection of Military Costume Illustration, 19. Jhdt. - ©gemeinfrei
Gottfried Heinrich Graf zu Pappenheim (1594–1632)
Pappenheim war einer der bekanntesten ligistisch-kaiserlichen Reiterführer im Dreißigjährigen Krieg. Verwegen und für den Gegner nahezu unberechenbar suchte er auf dem Schlachtfeld den schnellen Erfolg, mitunter schreckte er auch vor Gewalttaten nicht zurück (Terror). Pappenheims mobile Taktik im Rücken des Feindes stellte durchaus eine Vorstufe des "Raid" dar, hohe Beweglichkeit und überfallartige Militäraktionen verunsicherten den Gegner und trugen so Furcht und Schrecken in dessen Reihen. Der Ruf der Pappenheim-Kürassiere war bei Freund und Feind legendär, bei Breitenfeld und Lützen traten allerdings schwerwiegende taktische Probleme auf. Graf Pappenheim wurde 1863 in die Liste der "berühmtesten, zur immerwährenden Nacheiferung würdiger Kriegsfürsten und Feldherren Österreichs" aufgenommen, zu deren Ehren und Andenken auch eine lebensgroße Statue in der Feldherrenhalle des damals neu errichteten k.k. Hofwaffenmuseums (heute: HGM - Heeresgeschichtliches Museum Wien) errichtet wurde.
Jan von Werth, Burggraf von Odenkirchen von 1643-1652 - ©gemeinfrei - Der Graf galt als Franzosenschreck. Werth wird gegenüber Mercy und anderen Feldherren etwas überhöht dargestellt, der bayerische Kurfürst sprach Werth die Eignung zum Oberbefehlshaber aus bestimmten Gründen ab. Seine Qualitäten als Reiterführer und General der Kavallerie sind allerdings herausragend und unbestritten. Jan von Werth, Burggraf von Odenkirchen von 1643-1652 - ©gemeinfrei - Der Graf galt als Franzosenschreck. Werth wird gegenüber Mercy und anderen Feldherren etwas überhöht dargestellt, der bayerische Kurfürst sprach Werth die Eignung zum Oberbefehlshaber aus bestimmten Gründen ab. Seine Qualitäten als Reiterführer und General der Kavallerie sind allerdings herausragend und unbestritten.
Johann (Jan) Graf von Werth (1591-1652)
In der Nachfolge Pappenheims als innovativer Reiterführer kann dann sicherlich Johann Graf v. Werth gesehen werden, der ähnlich wie Pappenheim zu überraschenden Raids aufbrach und bis nach Saint-Denis in Frankreich vorrückte (August 1636). Feldmarschalllieutenant Werth forcierte 1634 den Einsatz von Feuerwaffen bei seiner kombinierten Kavallerie-Abteilung (zwei Regimenter), die er wie Dragoner ausrüsten ließ (Gewehr am Bandelier). Seiner Meinung nach sollte sich die Kavallerie auf eine Feuerwaffe stützen, um die von ihm geplanten Unternehmungen im Rücken des Feindes auch erfolgreich durchführen zu können (Raid). Diese setzten auch den Feuerkampf voraus, die Kavalleristen sollten die Fähigkeit zur Bildung fester Gefechtslinien aufweisen. Persönliche Eigenschaften wie Wagemut, Risikobereitschaft und Tapferkeit, wie auch Eigensinn, Eigennutz und Renitenz, vereinten sich in diesem bayerischen Truppenführer, der 1647 gegen den Abschluss des Ulmer Waffenstillstandes rebellierte und vom bayerischen Kurfürsten in Reichsacht gesetzt wurde. Er trat nachfolgend in kaiserliche Dienste, Kaiser Ferdinand III. ernannte Werth zum General der Kavallerie und erhob diesen in den Grafenstand. Aus einfachen Lebensverhältnissen stammend, verstarb Werth als reicher Mann. Für diesen hatte sich der Krieg ausgezahlt, er hatte seine persönliche Bereicherung im Verlauf der Kriegshandlungen nie aus den Augen verloren. Wie Pappenheim wurde Werth 1863 in die Liste der "berühmtesten, zur immerwährenden Nacheiferung würdiger Kriegsfürsten und Feldherren Österreichs" aufgenommen, eine lebensgroße Statue angefertigt.
Anmerkung: Werth kämpfte nicht "mit" sondern "unter" Generalfeldmarschall Mercy, ein sicherlich kleiner aber feiner Unterschied!
Schwarzpulver
Eine ausreichende Qualität des Schwarzpulvers wurde durch Pulvermessgeräte (Stangenprobe) sichergestellt und auch stichprobenhaft überprüft. Hierfür wurde ein Prüfgewicht durch die Entzündung einer genau definierten Pulvermenge an einer Messsäule entlang in die Höhe geschleudert und rastete in entsprechenden Abständen ein. Der jeweilige Explosionsdruck der Pulverladung konnte so geprüft und eine beständige Schussleistung der Gewehre erreicht werden. In jeder größeren Rüstkammer waren diese Prüfgeräte anzutreffen und können heute noch vereinzelt besichtigt werden (Emder Rüstkammer, Inv.Nr.: RK 1530, 43 cm hoch).
 
Weitere Info:
Adobe  Schwarzpulver: Salpeter und Salpetergewinnung vom Mittelalter zur Neuzeit - (Pdf, 10,5 MB)
WEB: [Ruhr Universität Bochum]
Ohne Zündmittel kein Schuss
Das Wort "Lunte" war seit dem 15. Jhdt. verbreitet und stand ursprünglich für Lappen, Lumpen, später Luntendocht und dann Zündschnur. Um 1400 verdrängte die Lunte das Gluteisen und später den Feuerschwamm beim Entzünden des Schwarzpulvers in Geschützen und Hakenbüchsen. Sie bestand aus einem etwa fingerdicken Hanf-/Flachsstrick, der mit unterschiedlichen Zusätzen - wie Holzasche, ungelöschten Kalk, Salpeter, Rinderdung, Bleizucker/-acetat - getränkt war und nach dem Entzünden über einen längeren Zeitraum glimmen konnte - pro Meter Lunte ca. 60 bis 90 Minuten. Die ersten technischen Zündsysteme mit Lunten bei Hakenbüchsen treten dann um/nach 1440 erstmals auf, eine feststellbare Verbreitung finden diese dann aber erst am Ende der Maximilianischen Epoche. Der Begriff "Lunte riechen" verweist auf den scharfen stechenden Geruch beim Abbrand der Lunte. Bei nasser Witterung war die Luntenzündung vielfach nicht zuverlässig, das Schießen fiel dann sprichwörtlich ins Wasser. Ein schnelles Verfahren zur Luntenherstellung überliefert uns dann der General Jean Fabre de La Martillière (1732-1819, frz. Divisionsgeneral der Artillerie): die Lunte wird in Regenwasser, worin 1/20 essigsaures Blei (Bleizucker) gelöst ist, zehn Minuten lang gesiedet, oder alternativ sechs Stunden lang kalt eingelegt, und dann getrocknet (Keramikgefäß, kein Kupfer!). "Die fertige Lunte muss nun angezündet, selbst bei feuchter Witterung, mit einer spitzen Kohle gleichförmig fortbrennen, sodass fünf Zoll Lunte eine Stunde dauern!"
[Quelle: Allgemeine Enzyklopädie der Wissenschaften und Künste; Erste Sektion A-G; 37. Teil; Gruber; Leipzig; Brockhaus; 1842; S. 313 ff.]
Waffentechnischer Fortschritt
Zu Anfang des 17. Jhdts. trat mit dem Schnapphahn/Steinschlossgewehr der finale Vertreter des späteren Massen- und Einheitsgewehres in das Licht der Welt (Ordonnanzwaffe). Einzelne Nationen beschäftigten sich relativ schnell mit diesem neuen Schlosstyp, beispielhaft kann für 1630 schon auf ein schwedisches Steinschlossgewehr verwiesen werden (166 cm lang, Kaliber 14 mm, glatter Lauf).
Das Steinschlossgewehr (Batterieschloss) [1] hatte sich dann um 1720 allgemein verbreitet, der eiserne Ladestock [2] und der zylindrische Ladestock [3] steigerte nochmals die Schussfolge der Musketiere. Die in Preußen favorisierte Einführung eines konischen Zündloches zur Selbstaufschüttung der Batteriepfanne hat sich allerdings nicht durchgesetzt, die Nachteile für den Schützen waren zu groß.
[1] erstmals 1600/10: Büchsenmacher Marin le Bourgeuys aus Lisieux in der Normandie (Frankreich).
[2] 1718: Einführung durch Fürst Leopold v. Anhalt-Dessau.
[3] 1773: Einführung des zylindrischen Ladestockes in der preußischen Armee.
icon jpg  Steinschloss - 2. Hälfte 18. Jhdt. (70 KB)
 
Die ballistische Wirkung eines großen und langsamer fliegenden Geschosses im Gegensatz zu einem kleineren Geschoss mit höherer Geschwindigkeit kann auch beispielhaft für die Napoleonischen Kriege herangezogen werden. Ein britisches "Brown-Bess" Gewehr mit 19 mm Geschoss verursachte deutlich schwerere Verletzungen bei den Franzosen, wie das 17 mm Geschoss des französischen Gewehrs "Modèle 1777 corrigé en l'an IX" bei den Briten. Das typische Brummen des Brown-Bess Geschosses im Flug war den französischen Infanteristen leidlich bekannt.
 
Im Bereich der historischen Marinegeschütze treffen wir auf ein vergleichbares Erscheinungsbild bei Hartzielen, auf kurze Reichweite wirkte sich das große und langsam fliegende Geschoss einer Karronade verheerend aus. Das Geschoss durchbohrte auf Grund der geringeren Mündungsgeschwindigkeit nicht die Bordwand, es zertrümmerte diese durch eine langsamer verlaufende, großflächige kinetische Stoßwelle und erzeugte in Folge einen mörderischen Splitterregen im gegnerischen Batteriedeck.
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